Zwischen

Widerstand und Zersetzung


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Die verschwundene Leiche

Es geschah im November 1989, wenige Tage nach der größten Protestdemonstration, welche in der Hauptstadt der damalige "Deutschen Demokratischen Republik" je stattgefunden hatte. Auch die bekannte Schauspielerin Steffie Spira war dabei und beendete ihren von Beifall und Heiterkeit umtosten kurzen Redebeitrag mit der Aufforderung an die "hohen Leute" der DDR, das zu tun, was sie nun tun würde, nämlich "Abtreten" und dann verließ die Rednertribüne. Drei Tage später, am 7. November, trat die gesamte Regierung der DDR zurück.
In diesen bewegenden Tagen bekam ich überraschend Besuch von meiner Tante, meinem Onkel und ihren Ehepartnern. An ihren Mienen erkannte ich sofort, dass etwas Ernstes geschehen war. Sie teilten mir mit, dass mein Vater im Krankenhaus sei, die vom Schlaganfall gelähmte Mutter deshalb nicht mehr versorgen könne und sie daraufhin in ein Pflegeheim gebracht werden musste. Über meinen Bruder, der mit Mutter und Vater in einen gemeinsamen Haushalt lebte, sagten sie kein Wort.
Dieser Bruder, zu der Zeit 32 Jahre alt, fünfzehn Jahre jünger als ich und ledig, war immer wieder ein Grund, warum ich mit meinem Vater Streit bekam. Das letzte Mal Ende 1988 so heftig, dass ich den Kontakt mit Vater, Mutter und Bruder abbrach. Nicht erst seit den üblen Vorfällen von 1986 war ich davon überzeugt, dass mein etwas einfältiger erst 1995 wegen Oligophrenie unter Pflegschaft gestellt auch damals nicht geschäftsfähiger Bruder zum Zwecke meiner Kriminalisierung und Zersetzung unserer Familien von der Erfurter politischen Geheimpolizei missbraucht wurde. Da es ja in der damaligen DDR offiziell keine politischen Verfolgungen geben durfte, hatte sich das Kriminalisieren politischer Gegner auch hier als eine gängige und relativ erfolgreiche Methode entwickelt.
Zu meiner Vorgeschichte gehörte auch die öffentliche Forderung nach dem Menschenrecht auf freie Ausreise aus der DDR am 1. Mai 1978 auf dem Erfurter Domplatz. In einem Geheimprozess gleich nebenan am Bezirksgericht wurde ich des Verbrechens der staatsfeindlichen Hetze angeklagt und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Erst nach der Haft erfuhr ich, dass wenige Tage nach meiner Verhaftung mein Bruder erfolgreich geworben wurde, in die "Sozialistische Einheitspartei" der herrschenden Real-Sozialisten einzutreten.
Das wäre an sich nicht so schlimm gewesen, wenn es in einer seiner voran gegangenen Arbeitsstellen passiert wäre, die er nach erfolglosen beruflichen Anläufen immer wieder wechselte. Was mit ihm war, wusste ich ja. Doch es sollte nach dem Willen unseres Vaters möglichst geheimgehalten werden. Allein der Fakt, dass er sich noch als Erwachsener mit Mutters Topfdeckel und Holzlöffel in sein Zimmer zurückzog, um dort Autofahren zu spielen, war bezeichnend genug.
Auch deshalb vermittelte ich ihn in meinem Betrieb, in dem ich vor meiner Verhaftung als Ingenieur tätig war, eine Stelle als Transportarbeiter und Elektrokarrenfahrer. Diese Arbeit machte ihn trotz schwerer Kistenschlepperei endlich auch etwas Spaß. Der war aber schnell vorbei, nachdem er sich als SED-Parteimitglied hatte anwerben lassen. Die Partei gab ihm, den Menschen, der noch nicht einmal in der Lage gewesen war die 8. Grundschulklasse erfolgreich zu beenden, den Kampfauftrag Vorträge zum Parteilehrjahrs der SED zu halten. Natürlich wurde das aufmerksam von den Betriebskollegen registriert, dass der einfältige Bruder des gerade erst verhafteten nicht unbeliebten Ingenieurs Partei-Reden hielt, denen er auch thematisch nicht gewachsen war. Er machte nicht nur sich lächerlich, sondern ließ sich damit auch für eine typische Stasi-Zersetzungsmaßnahme missbrauchen. Seine unmittelbaren Kollegen reagierten prompt, erschwerten ihn das Betriebsleben und in der Folge wechselte er erneut die Arbeitsstelle.
Erst nach meiner Haftentlassung erfuhr ich von diesem Streich. Mein Vater, daraufhin von mir angesprochen, erwiderte: " Vielleicht hat Klaus-Dieter durch die Partei etwas Schutz." Ich war da gegenteiliger Ansicht und außerdem, was ist das für eine Partei, die sich meines einfältiger Bruders auf diese Weise bedienen muss?
Er blieb ein ideales Objekt für die Erfurter politischen Geheimpolizei. Diese Bezeichnung der Verantwortlichen im Hintergrund mag nicht korrekt erscheinen, ist aber angesichts der mittlerweile nachweisbaren engen Zusammenarbeit von Kriminalpolizei mit übergeordneten MfS-Offizieren sicher nicht ganz unrichtig..
Es kam entgegen den Hoffen und Harren unseres Vaters nicht zu dem erwünschten Schutz durch die "Partei". Im Jahr 1986 wurde es ihm aber doch zu viel und er beauftragte mich, seinen Kritiker, Ordnung in die verworrenen Transaktionen meines Bruders zu bringen. Endlich hatte ich Vaters Zustimmung, meinen Bruder vor den für meine Frau und mich unmissverständlich zersetzenden Machenschaften zu schützen. Wer die kriminellen Drahtzieher waren, ahnte wir schon längst. Aber kaum hatte ich mich eingeschaltet, eskalierten die Ereignisse. Auch von anderer Seite prasselte es auf uns ein. "Das verfluchte Jahr ´86" nenne ich auch deshalb seither diese Zeit.
Doch zurück zu den Besuchstag im November ´89. Am Nachmittag dieses Tages fuhr ich mit meinem Moped in die Medizinische Akademie und begab mich in die angegebene Abteilung. Die Schwester nannten mir das Zimmer, in dem mein Vater zu finden sei. Als ich mich im Flur suchend umschaute, kam ein klapperdürres Männlein des Wegs. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich die Ähnlichkeit mit meinem Vater vor einem Jahr. Wir fielen uns wortlos in die Arme und der Streit von damals war vergessen. Am nächsten Tag brachte ich ihn ein paar Kleinigkeiten, die er sich gewünscht hatte. Auch zu Mutter begab ich mich und sagte ihr, dass ich mich nun wieder kümmern werde. Vom 32jährigen Bruder war immer noch nichts zu sehen und zu hören. Mutters Fürsorge war die alte. " Versprich mir, dass du ihn ´mal 5 Mark gibst, wenn er etwas Geld brauchen sollte." Ich nickte beruhigend.
Am Tag danach trat die DDR-Regierung zurück und bei meinem täglichen Krankenbesuch des Vaters sprachen wir auch kurz darüber. "Nun wird es für dich endlich besser." sagte er. Ich verstand es als ein indirektes zuvor immer abgewehrte Eingeständnis, dass meine Einschätzung des ruinösen DDR-Regimes die richtigere war. Wir verabschiedeten uns auf den nächsten Tag mit meinem Versprechen, ihn nach seinem Krankenhausaufenthalt bei uns zu Hause pflegend aufzunehmen. Für Mutter würden wir, meine Frau und ich, auch eine passende Regelung finden, denn wir hatten unter "Mithilfe" Erfurter Dunkelmänner mittlerweile viel Platz im eignen Haus bekommen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Am nächsten Tag, den 8. November 1989, fuhr ich mit meinem Moped und ein paar Kleinigkeiten im Gepäck wieder zum Krankenhaus. In der Abteilung angekommen, in dem mein Vater eingewiesen war, lief es dann routinemäßig schnell ab. Ich öffnete das Patientenzimmer, sah ein leeres frisch bezogenes Bett aber keinen Vater. "Ja, er ist in der Nacht gestorben", sagte mir eine Krankenschwester, drückte mir einen Wäschebeutel und Vaters Papiere in die Hände. Einen Moment stand ich wie benommen herum, dann raffte ich mich auf, denn nun musste ich der Mutter im Pflegeheim die Todesnachricht überbringen. Nachdem das überstanden war, ging es schnell nach Hause, denn meine Tätigkeit als Hausmann war nicht nur Legende und vielleicht lag auch wieder ein übler Brief eines damaligen Stasi-Lockspitzels im Kasten.
Dem war nicht so, dafür irritierte mich mein Anruf beim Erfurter Friedhofsamt, denn eine Frau Doye dort behauptete, mein Vater (seine Leiche) sei nicht da.
Am 9. November vormittags rief ich erneut an. Wieder gab es die Antwort, "er" sei nicht da! Danach schwang ich mich wieder auf mein Moped und fuhr direkt zum Erfurter Friedhof, denn wir hatten einen Bekannten dort im Krematorium.. Opa Wolle, nach dem Verstorbenen befragt, antwortete prompt: "Der ist da!". Aber "Guck ´mal" sagte er gleich darauf, "Da läuft neuerdings etwas gebückt der Genosse Mischke von der Stasi". Ich sah allerdings nichts Gebücktes. Auf meine Frage, nach dessen Aufgabe hier, antwortete Wolle: "Der ist hier für die würdevolle Bestattungen der Genossen zuständig". "Ach, schau an, das gibt es auch.", dachte ich mir.
Danach fuhr ich wieder nach Hause, denn es gab wie immer auch noch anderes als Hausmann und -handwerker am und im Haus und auch für Frau sowie Tochter, Enkelin und deren Uroma zu erledigen. Ich war ja der einzige Mann in unserer "geschrumpften" kleinen Gemeinschaft. Dazu kamen die neuesten Nachrichten aus Funk und Fernsehen. Politbüromitglied Schabowski verkündete am Abend, das Reisen, auch "Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin ..." möglich seien. Auf Nachfrage eines westlichen Reporters, ab wann denn diese Regelung gelte, antwortete er: "Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich."
Bei der Herumfahrerei auf dem Moped hatte ich mir außerdem noch eine Erkältung zugezogen. Die angeblich nicht anwesende Leiche meines Vaters im Erfurter Krematorium, der sich anbahnende Zusammenbruch des DDR-Regimes , dem ich schon zwei Gefängnisaufenthalte "verdankte", aber auch die gerade zuvor erst mühsam abgewehrten Machenschaften eines raffinierte Stasi-Lockspitzels, die hatten ihre Wirkung. Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Das sollte aber unser damals fünfjährige Enkeltochter Christin nicht sehen, dass ihr geliebter Opa weint. Ich verkroch mich in mein Bett, zog die Decke über den Kopf und ließ meinen Tränen freien Lauf.
Gegen Mitternacht hatte ich mich beruhigt und begab mich wieder vor den Fernseher. Berliner Menschen bedrängten die sogenannten Grenzschützer der DDR. Es fiel erstaunlicherweise kein Schuss und dann strömten die ersten DDR-ler nach Westberlin hinein.
Einer rief: "Wer jetzt schläft, der ist tot!"
Ich war es - nicht zu letzt Dank meiner Frau - nicht!
Am nächsten Morgen ergriff sie erbost die Initiative und rief nun ihrerseits das Erfurter Friedhofsamt an. Mit ein paar deutlichen Worten hatte sie plötzlich Erfolg und Frau Doye gab zu, dass die Leiche meines Vaters doch da sei. Warum wurde mir das aber verschwiegen? Sollte Genosse Mischke von der Erfurter Friedhofs-Staatssícherheit noch eine zweite Aufgabe gehabt haben, nämlich die der weniger würdevollen Bestattung von Angehörigen vermeintlicher Staatsfeínde? Die noch folgenden mehrfachen Verschiebungen des Termins der Urnenbeisetzung, die Zustellung der Begräbnisrechnung an eine falsche Adresse, so dass ich sie über Umwege erst sechs Wochen später erhielt und andere unnormalen Vorgänge um die Leiche und Asche meines Vaters konnten mir den üblen Verdacht von zersetzenden Machenschaften der teilweise bereits in Auflösung befindlichen Erfurter Geheimpolizei samt ihrer willigen Helfershelfer nicht mildern.

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Die Hohe Schule der Anwerbung unter Zwang

Anfang Dezember 1989 stieg aus der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in der Erfurter Andreasstraße Rauch auf. Wieso das? Dort war doch bereits eine Gasheizung installiert und trotzdem qualmte es aus dem Schornstein der Heizung. Wurden etwa Akten verbrannt, um Spuren zu beseitigt? Daraufhin drangen mutige Erfurter Frauen und Männer in die Bezirksverwaltung des MfS ein. Kurz danach wurde auch friedlich der Zugang in die Kreisdienststelle des MfS in der Straße der Einheit und in das relativ große Objekt der für "Beobachtung und Ermittlung" zuständigen Abteilung VIII in der Espachstraße erzwungen.
Es stellte sich leider bald heraus, dass zu viele Erfurter wieder einmal den bequemeren Weg wählten, sich erst einmal den "Westen" ansehen und sich auch das dortige "Begrüßungsgeld" von 100 DM nicht entgehen lassen wollten. Folglich suchte das mittlerweile gegründete Erfurter Bürgerkomitee dringend nach Bürgern, die sich für die öffentlichen Kontrolle der Auflösung der Erfurter Stasi-Objekte mit einzusetzen bereit waren.
Obwohl ich neben meinen eigenen mit den Problemen um den Tod meines Vaters, der gelähmten Mutter und meines "geschäftsunfähigen" Bruders eigentlich ausgelastet war, stellte ich mich zur Verfügung. Mein 2. Einsatzort war das Objekt der Abteilung VIII (Beobachtung und Ermittlung) in der Espachstraße.
Es wurde dort eine lange Nacht, denn die angekündigte Ablösung der "Bürgerwache" kam und kam nicht. So war auch ein vertraulicheres Gespräch zwischen mir und einem der beiden Stasi-Männern möglich. Er war sich keiner Missetat bewusst und empfand unsere Erregung als unberechtigt. So begann ich ihm ein Erlebnis aus dem letzten Sommer im zu Ende gehenden Jahr ´89 zu erzählen. Mit der Geschichte war ich noch lange nicht fertig, da rief er seinen anderen Genossen: "Komm schnell her, das musst du dir anhören, das ist die Hohe Schule der Anwerbung unter Zwang!"
Er sagt "Hohe Schule ..." - wir, meine Frau und ich, haben dabei fast "Blut und Wasser" geschwitzt. Er war sich überhaupt nicht bewusst, was seine "Genossen" bei den Betroffenen ihrer Tätigkeiten anrichteten! Was war das für eine Geschichte? :
Dass ich als politisch Vorbestrafter mit dreieinhalb Jahren Haft wegen angeblicher "Staatsfeindlicher Hetze" (sieben Worte - pro Wort ein halbes Jahr Gefängnis!) unter Beobachtung stand, war für mich klar. Zu den ausgefeilten Unterdrückungsmethoden des DDR-Regimes gehörte es auch, ihren aus der Haft entlassenen politischen Gegnern keine Unterlagen über Anklage und Urteil zu übergeben. Gleichzeitig wurden in guter Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei Falschinformationen gestreut. Den Rest besorgten willfährige Staatsbürger. In unserem Falle lag außerdem ein Konflikt mit einem Mieter einer unserer beiden Garagen am Einfamilienhaus zu Grunde. Er war, obwohl immer in Zivil, ein Angehöriger der Erfurter Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, Dezernat II (Schwere Gewaltverbrechen: Mord Brandstiftung usw.) und gleichzeitig ein Mitarbeiter der Hauptabteilung IX des MfS Berlin. Und ausgerechnet diesem braven "Genossen" konnte ich, der politisch sogar zweifach vorbestrafte "Verbrecher", diverse Vergehen nachweisen.
Damit hatte ich nicht nur zwei konspirativ operierende Gegner hier in unserer schönen Stadt Erfurt. Oder vielleicht sogar noch mehr, denn in meinen nicht vernichteten Stasi-Akten war später nachlesbar, dass sich auch die Äußere Abwehr für mich interessierte.
Wie auch immer. Was war das nun für eine Geschichte, die den Stasi-Mann zu einer solchen Einschätzung animierte?:
Am 1. Juli ´89 frisch aus unseren Campingurlaubes mit Enkelin am Plauer See in Mecklenburg wieder zurück zu Hause, erwähnt ihre Mutter, Tochter meiner Frau aus erster Ehe, die erst später Urlaub machen wollte, ein zuvor eingetroffenes Telegramm ihres Freundes aus Ungarn mit merkwürdigem Text. Da Ungarn ein zunehmend beliebteres Ausgangsland für fluchtwillige DDR-Bürger war und die Tochter im Anschluss an uns ihren Urlaub in Ungarn machen wollte, wurde ich etwas misstrauisch. Ich ließ mir das Telegramm zeigen.
"ich komme am sonntag nehme deine kopfgeld mit viel Kussi Peter", lautete der Text. In dieser kritischen Zeit so eine Wortwahl in einem offenen Telegramm zu benutzen, dass über Fernschreiber im Erfurter Hauptpostamt ankommt und von einem mit lesenden "Postler" weiter bearbeitet werden musste, war für mich sofort Verdacht erregend. Auch war es für die meisten DDR-ler ein offenes Geheimnis, dass die Stasi intensiv die Post der Bürger kontrolliert. Bei Telegrammen war das besonders einfach, wie sich später herausstellte hatte die dafür zuständige Abteilung "M" des Erfurter MfS die Kabel angezapft und Fernschreiber in eigenen Räumen parallel zugeschalten.
Allein dieses tückische Wort Kopfgeld geht sehr wahrscheinlich nicht unbemerkt durch die Kontrolle, erklärte ich der Tochter. So richtig wollte sie mir das aber noch nicht glauben. Doch am nächsten Tag kam ihr ungarischer Freund im eignen PKW Typ Lada bereits bei uns angereist und sie wollte ihn selbst fragen. Merkwürdigerweise kam er nicht allein, sondern mit seiner 12jährigen Nichte aus Ungarn zu uns. Meine Frau und ich mieden vorerst jeden Kontakt mit den beiden, obwohl es in unseren Einfamilienhaus recht beengt zuging. Erst sollte der uns gefährdende Telegrammtext aufgeklärt werden. Die Tochter kam dann etwas später aus ihrer im ersten Stock befindlichen Wohnung zu unserer ins Erdgeschoss. Er hätte sich dabei nichts besonderes gedacht, war seine Antwort.
Mit meiner Stasi-Hafterfahrung wusste ich nur zu gut, dass bereits der Verdacht von Vorbereitung und Versuch bei "Ungesetzlichem Grenzübertritt" und "Menschenhandel" nach dem DDR-Strafgesetzbuch zur Verhaftung und mehrjährigen Freiheitsstrafen führen konnte. Das erklärte ich der Tochter meiner Frau, also meiner Stieftochter, eindringlich.
Es kam mir noch eine Merkwürdigkeit bei der geplanten gemeinsamen Urlaubsreise von Tochter und Freund in seine Heimat in den Sinn. Warum sollte seine Freundin aus der DDR mit ihrer fünfjährigen Tochter bei dem anstehenden Urlaub von Erfurt aus mit dem Flugzeug nach Ungarn fliegen? Er aber fährt in seinem Auto mit fünf Sitzen nur mit seiner Nichte zurück nach Ungarn. Das alles war für meine Frau und mich nicht hinnehmbar. In unserem Haus herrschte danach einige Tage eine eisige Atmosphäre. Wir sprachen mit diesem ungarischen "Freund" kein Wort. Die Tochter pendelte, in der Hoffnung unsere Befürchtungen seien unberechtigt, zwischen den beiden Wohnungen hoch und runter. Mittlerweile hatte ich ihr auch ausgemalt, was im schlimmsten Fall eintreten könnte. Der "Freund" tritt mit seinem Auto die Rückreise nach Ungarn an. Sie dagegen begibt sich mit ihrer kleinen Tochter ahnungslos zum Erfurter Flugplatz. Sie will in den Flieger nach Ungarn steigen, wird statt dessen von zwei netten unauffälligen Herren beiseite genommen, die fünfjähriges Tochter wird von ihr getrennt und einer netten fremden Frau von der gleichen Firma übergeben. Verdacht auf Flucht und Menschenschmuggel lautet der Vorwurf bei der Festnahme, während der Verursacher des tückischen Telegrammtextes anderswo "unterwegs" ist. Und was dann, wenn die "Untersuchung" länger dauern würde? Die fünfjährige Tochter, unser Enkelchen, würde nicht in den Haushalt eines angeblichen "feindlich negativen Elements" gelassen werden, sondern in einem regimetreuen Kinderheim verschwinden.
Nun endlich sah die Tochter ein, dass sie so ein Risiko nicht eingehen durfte. Und dann geschah etwas, was wir gar nicht erwartet hatten. Sie kam selbst mit dem Vorschlag, an Stelle des riskanten Urlaubs in Ungarn auch einen Campingurlaub am Plauer See in Mecklenburg durch zu führen. Dieser Lösung stimmten wir erfreut zu, denn wir wussten ja wie begeistert ihre kleine Tochter mit uns dort gerade erst zwei schöne Campingwochen verbracht hatte.
Sie ging erleichtert hoch zu ihren ungarischen Freund und überbrachte ihm diesen Lösungsvorschlag. Niedergeschlagen kam sie wenig später wieder zu uns herunter, denn er hatte kategorisch abgelehnt. Er hatte nicht einmal das Argument verwendet, seine 12jährige Nichte zurück bringen zu müssen. Danach gab es keine Nachsicht mehr. Die Tochter erklärte ihm das Ende ihrer Beziehung und er möge abreisen, was er auch umgehend tat. Von mir versuchte er sich noch mit "Auf Wiedersehen" zu verabschieden, worauf ich nur durch den Türschlitz antwortete: "Für uns gibt es kein Wiedersehen und der Grund ist das Telegramm". Daraufhin erfolgte keine Rechtfertigung aber sein schneller Abgang aus dem Haus.
In dieser bewussten Nacht im Dezember 1989 als Vertreter der Bürgerwache bei der Auflösung der "Staatsicherheit" im Objekt der Erfurter Abteilung VIII für "Ermittlung und Beobachtung" hatte der junge Stasi-Mann geradezu begeistert meiner Erzählung gelauscht und von der "Hohen Schule der Anwerbung unter Zwang" gesprochen. Doch es ist ja nicht dazu gekommen. Ich hatte aber zwischendurch zu gegeben, dass ich im ungünstigsten Falle, um wenigstens der fünfjährigen Enkelin den Schock der Trennung von Mutter und Großeltern zu mildern, bereit gewesen wäre, den "Genossen" von der Stasi meine Mitarbeit anzubieten. Dank Glück, Misstrauen und Vorsicht musste es nicht dazu kommen.
Dass dieser ungarische "Freund" ein Stasi-Lockspitzel war, wurde uns spätestens im September 1989 klar, doch das ist die nächste Geschichte, die ich die "Sparkassenfalle" nennen möchte.

 

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Die Sparkassenfalle


Nach dem schnellen Abgang des mutmaßlichen Stasi-Lockspitzels Anfang Juli 1989 trat wieder Ruhe in unserem Haus ein. Aber sie war trügerisch zumal sich die Nachrichten von außen beunruhigend zuspitzten. Nach der Niederschlagung der studentischen Demokratiebewegung auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und dem dortigen Massaker an Tausenden von Menschen und der Einschätzung der DDR-Führung, das als eine gerechtfertigte Maßnahme gegen die Konterrevolution zu bezeichnen, wächst die Angst vor einer "chinesischen Lösung" in der DDR. Die Opposition in der DDR wird zunehmend aktiver, doch andererseits haben viele Menschen die Hoffnung auf Reformen aufgegeben und flüchten, wie und wo sie können. Durch die Demontage der ungarischen Grenzanlagen zu Österreich beginnt die Fluchtbewegung von DDR-Bürgern zu eskalieren. Auch die Botschaften werden von Fluchtwilligen mit dem Ziel der Ausreise besetzt.
Unser ungarischer Lockspitzel bearbeitet uns derweil mit verleumderischen Schreiben. Am 2. August ´89 erhält die Tochter einen aufschlussreichen Brief. Er beginnt nicht etwa mit einer Entschuldigung, dass er durch ein unbedachtes Wort den gemeinsamen Urlaub zerstört hat, sondern er eröffnet gleich den Text mit: " ... Du musst alles wissen. Deine "Eltern" leider sehr schlaue Neonazi ..." ,
" ... Geld was er gekriegt, war wenig für ihn wollte immer mehr und mehr." Und abschließend: " ... wenn du suchst neuen Mann, suche von Stasi welche kann dir was helfen dich frei zu machen."
Die Tochter gab mir diesen "Brief" unaufgefordert zu lesen. Da sind wir, meine Frau und ich, anschließend doch ins Grübeln gekommen.
Ich hatte von dem Kerl keine Mark genommen, durfte mir aber so nebenbei vor dem Rausschmiss von ihm anhören: "Ach, ist das schön billig hier"! Da hatte er nicht unrecht, denn damals war er angeblich nicht mehr in der DDR sondern nun sogar in Österreich als Monteur tätig. Bei den damaligen Wechselkursen und den ruinös billigen Preisen in der DDR, war seine Einschätzung richtig. Außerdem konnte er sich kostenfrei bei seiner "Freundin" in unserem Haus einquartieren.
In seinem nächsten Brief vom 10. August ´89 an mich spielte wiederum Geld, das ich nie erhalten habe, eine wichtige Rolle. Diesmal unterstellt er mir, ich hätte mit dem Geld über Ungarn mit einem falschen Visa verschwinden wollen, zur Freude mitlesender Stasi-Postschnüffler. Auch erscheint wieder rein zufällig der typische Vorwurf an einen vorsätzlich ohne Unterlagen über die Gründe seiner politische Haft Entlassenen, : "Wenn sie im Gefängnis waren, weiß nur Sie und die Polizei warum. Sie sind vielleicht Räuber, Mörder oder Spion!"
Während dieser ehemalige ungarische "Freund" solche Machwerke in Umlauf bringt, sind die Politiker seines Landes auf einem ganz anderen Weg. Schon zwei Wochen zuvor am 27. Juni ´89 hatten die Außenminister Ungarns und Österreichs , Gyula Horn und Alois Mock, in einer symbolischen Geste den Grenzzaun zwischen ihren beiden Ländern zerschnitten. Am 19. August wird geduldet, dass während des "Pan-europäischen Picknicks" etwa 600 DDR-Bürger die offene Grenze zu Österreich zur Flucht nutzen. Allein im Monat August verlassen auf allen möglichen Wegen nach DDR-"Recht" rechtswidrig (Strafgesetzbuch DDR, § 213, Ungesetzlicher Grenzübertritt, Freiheitsstrafen bis zu 8 Jahre Gefängnis) rund 30.000 Menschen die DDR. Anfang September ´89 beginnt die erste Montagsdemonstration in Leipzig. Stasi-Leute prügeln Menschen, zerfetzen Transparente und verhaften. Heimlich aufgenommene Filme und Bilder gehen mittels westlichen Medien rund um die Welt. In der Nacht zum 11. September wird die Grenze zwischen Ungarn und Österreich endgültig geöffnet. Ein Massenflucht von mehr oder weniger unauffällig wartenden DDR-Bürgern beginnt. Es geht dem Ende der DDR entgegen.
Am 18. September erhält unsere Tochter erneut einen Brief von ihrem zweifelhaften "Freund" aus Ungarn. Wieder der Vorwurf , ich hätte Geld genommen und er lockt sie mit einer beiliegenden Karte aus Wien mit dem Text: "Schade dass du nicht mit mir bist!", während die DDR-"Sicherheitsbehörden" immer nervöser reagieren.
In der Nacht kommt mir plötzlich die Erinnerung, dass ich doch noch ein schon lange ungenutztes Girokonto bei der Erfurter Sparkasse habe. Was, wenn zum Zwecke meiner Kriminalisierung, dort verdächtige Einzahlungen stattfinden, von denen ich nichts weiß?
Bei der vergeblicher Suche nach dem zugehörigen Ausweiskärtchen vermisse ich auch ein Notizbuch mit Adressen. Eiligst mache ich mich tags drauf am 19. September ´89 zur Sparkassenfiliale Erfurt-Nord. Die befindet sich im Umbau und der Ersatzverkehr findet in Nebenräumen der damaligen Hauptfiliale am Erfurter Rathausplatz statt. In der Ersatzstelle neben der Zentrale angekommen, versuche ich der Kassenangestellten zu erklären, dass ich mein altes Konto auflösen möchte und doch leider den kleinen Ausweis nicht finden kann. Das sei kein Problem, erklärte sie und es begab sich jemand auf die Suche. Doch relativ schnell kam die Kollegin zurück und mir wurde energisch gesagt, dass ich nie ein Konto in der Nord-Filiale gehabt hätte. Doch in der Hauptsparkasse nebenan sei dagegen ein Konto auf meinen Namen. Etwas verwirrt begab ich mich dorthin. An einem Schalter dort legte ich die mir eben erst in die Hand gedrückte angeblich einzige Kontonummer bei der Erfurter Sparkasse vor und bat um Auflösung dieses Kontos. Nach kurzer Prüfung wurde mir mit Bullbeißerblick erwidert: "Sie? - Das ist nicht ihr Konto." Meine Verwirrung steigerte sich. Im Bürozimmer 1 oder 6 fand ich zwei junge Frauen, die mir helfen sollten. "Kein Problem, es wird schon noch alles auf dem Konto sein." Ich konnte mir nicht verkneifen zu sagten: "Ich will ja gar nichts drauf haben!" Doch es dauerte auch für sie anscheinend ein wenig länger als gedacht, bis sie die Verwirrung um meine ominösen Girokonten geklärt hatten. Ich hatte tatsächlich ein Konto auf der Hauptsparkasse gehabt, doch "man" habe vergessen nach der Auflösung 1978 die Registerkarten (?) zu entfernen. Doch unerklärlich war den beiden Frauen, warum ich angeblich kein Konto bei der Zweigstelle Nord haben sollte, obwohl nach ihrer Recherche doch eins mit noch 6,87 (DDR) Mark Guthaben vorhanden war. So aufgeklärt, begab ich mich aus der Hauptfiliale zurück in die provisorische Zweigstelle Nord nach nebenan.
Man bat mich dort einen Moment zu warten. Tief über alles in Gedanken versunken stand ich dicht neben dem Sparkassenschalter, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich anscheinend schon relativ lange meinen Blick auf den ein wenig weit geöffneten Blusenausschnitt der Kollegin am Sparkassenschalter gerichtet hatte. Frau Söffing wird mir sicher verzeihen, dass ich mit meinen Gedanken ganz woanders war. Kaum hatte ich mein Vergehen bemerkt und die Blickrichtung geändert, stürzte sich fast ein Fremder neben mir mit halben Oberkörper in die Schalteröffnung. Fast gleichzeitig wurde ich von hinten von einem zweiten Fremden angesprochen. "Hier", sagte er zu mir "Das hat einer verloren." und drückte mir eine Geldbörse in die Hand. "Was ist das schon wieder?", schoss es mir durch den Kopf. Geradewegs instinktiv pochte ich den ersten Fremden in seine Oberkörperseite. Er zog sich etwas zurück aus der Schalteröffnung und schaute zu mir. Dadurch wurde ein Spalt frei und ich schob das Objekt wie eine heiße Kartoffel der Kassenangestellten mit den Worten "Das hat einer gefunden" hinein.
Sie nahm es an sich, zog es aus der kleinen durchsichtigen Plastetüte, öffnete es, sagte: "Oh, Forum-Schecks!", schloss es schnell wieder und legte es, ebenfalls wie eine heiße Kartoffel schnell zur Seite.
Als ich eben über die zugesteckte Geldbörse in der kleinen durchsichtigen Plastiktüte nach zu denken beginne, kommt wieder die Angestellte, die mir kurz zuvor versichert hatte, nie ein Konto hier gehabt zu haben, bedauert den Irrtum und lässt mir die Auflösungssumme von 7,30 DDR Mark meines dort schon seit über zehn Jahren bestehenden, nicht mehr genutzten und letztlich vergessenen Girokontos auszahlen. Die beiden fremden Herren, die mir gerade erst rechts und links dicht bei Seite standen, waren plötzlich auch wieder fort. Ich stand verwirrt da. Doch 7,30 DDR-Mark hatte ich mehr in der Tasche. Also konnte ich nicht geträumt haben.
Zurück zu Hause habe ich treu und brav alles erzählt, was mir auf der Erfurter Sparkasse am Fischmarkt neben dem Rathaus passiert war. Anscheinend auch für die Tochter glaubwürdig, denn noch ein Jahr nach dem Untergang der DDR sah sie in einer anderen Kasse einen Fünfzig-Mark-Schein am Boden liegen und hat einen großen Bogen um ihn gemacht, anstatt ihn aufzuheben. Ihr neuer Freund und heutiger Ehemann hat sich noch lange darüber lustig gemacht.
Warum wurde versucht mir im September ´89 Forum-Schecks, die man nur in der staatlichen Notenbank der DDR für für "Westgeld" erhalten konnte, zuzuschieben? Ich konnte nur eine Erklärung finden: Die Hintermänner des ungarischen "Freundes" wussten, dass ich keine "müde Mark" von ihm angenommen hatte.
Immer wieder kamen uns die schriftlichen und von der Erfurter Stasi mitlesbaren Vorwürfe gegen mich in den Sinn: "Neonazi, Räuber, Mörder, Spion, Fluchtplaner mit falschen DDR-Visa, Strizzi und asozialer Anarchist. Wer da innerlich nicht stark genug ist, wird Schritt für Schritt in die Verzweiflung getrieben. Ich hatte aber auch glücklicherweise meine Frau, die mir treu zur Seite stand.
Wahrscheinlich sind nicht wenige DDR-Bürger durch den mit deutscher Gründlichkeit weiterentwickelten Psychoterror so zersetzt worden, dass sie sich aus verzweifeltem Selbstschutz in das absolute Verdrängen, Schweigen und sogar in den Selbstmord geflüchtet haben.

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Ein kleiner Stromunfall


Frau V. sah mich damals über den Zaun im Garten und am Haus meiner Frau arbeiten und aus meinen manchmal finsteren Blick und den gestreuten Informationen von Stasi und politischer Kriminalpolizei folgerte sie wie erwünscht: Das ist bestimmt ein Mörder! Das wirkliche Urteil konnte der Politische ja nicht vorweisen, denn vorbeugend wurde ihm solche Unterlagen nicht ausgehändigt. Die Spezialisten aus dieser Truppe kannten die Ansatzpunkte und brauchten später nur nach zu helfen. Die geheime Rückendeckung war längst vorhanden: Der politischen Gegner sollte möglichst auch kriminalisiert werden!
Der Mann der Frau V., ein ehemaliger Volkspolizist; stirbt 1986 überraschend. Ihre Tochter, Narkoseärztin in Ilmenau, übernimmt das Handeln, schreibt die Mutter aus der Ferne nervlich bedingt krank, gibt ihr starke Beruhigungstabletten und lässt sich in dieser Zeit Haus und Grundstück notariell beglaubigt von ihrer Mutter schenken. Nachdem Frau V. nicht mehr unter starken Tabletteneinfluss steht und die Tochter rüde ihre die neue Besitzlage mitgeteilt hat, wird die Mutter rebellisch und sucht Hilfe. Sie rennt als Erstes zu ehemaligen Polizei-Kollegen ihres Mannes und schildert ihre Misere. Sie wird letztlich mit den Worten: "Was soll´ne wir da mache?" abgewiesen.
Tränenüberströmt kommt sie zu mir, den angeblichen Kriminellen, denn sie hat trotz meines gelegentlich finsteren Blicks allmählich Vertrauen zu mir geschöpft. "Peter hilf mir, meine Tochter hat mir alles weggenommen!" waren ihre Worte. Ich ließ mir die Geschichte schildern und habe schnell den wunden Punkt gefunden. Laut DDR-Gesetz waren Schenkungen ungültig, wenn der Schenkende in einem geistig eingeschränkten Zustand war.
Also übernehme ich, der angebliche Kriminelle, die Aufgabe, der Witwe des ehemaligen Volkspolizisten Georg V. zu ihrem Recht zu verhelfen, nämlich die zweifelhafte Schenkung wieder rückgängig zu machen. Rechtsanwalt M. wurde von uns beauftragt die notwendigen Schritte einzuleiten. Nach monatelangen zweifelhaften Verzögerungen entzieht Frau V. ihm die Vertretung und übergibt sie mir. Mittlerweile war fast ein Jahr vergangen und wir warteten auf die notwendige gerichtliche Klärung.
In dieser Zeit , wenige Wochen vor der längst überfälligen Verhandlung, geht das Ehepaar B. aus unserer Nachbarschaft am umstrittenen Haus der Frau V. vorbei. Herr B. bemängelt die durchhängende freie Elektrozuleitung zum Haus. Frau V. reagiert prompt und bestellt den Störungsdienst. Der kommt auch schnell und klemmt von außen neue Drähte an.
Tags drauf kommt Frau V. erschreckt zu mir `rüber gerannt. Es hätte gefunkt und gekracht und der Strom sei weg! Ich bin gleich mit hinüber gegangen und als erstes nach der Sicherung gesehen. Die war erstaunlicher Weise noch ganz, obwohl der Strom doch weg war!
Ganz unwissend von elektrotechnischen Dingen war ich ja nicht, denn zu meinem Berufsleben gehörte eine Ausbildung als Fernmeldemechaniker und Ingenieur der Feinwerktechnik .
Die große Frage war dann, wieso gibt es einen funkensprühenden Kurzschluss, im ganzen Haus ist danach der Strom weg und trotzdem sind die Sicherungen noch ganz?
Dann kam ein Hinweis der Frau V., der Schwiegersohn hätte an einer Verteilerdose etwas gemacht. Dem bin ich nachgegangen und festgestellt, in einer Dose waren die Feststellschrauben der Alu-Drähte locker und ein Drahtende war ganz weggeschmolzen. Diese Schmorstelle hatte anscheinend die Rolle der Sicherung übernommen und die offizielle war deshalb heil geblieben. Die Fehler in der Dose habe ich dann beseitigt und war nun guter Hoffnung, das Problem gelöst zu haben. Ich hatte nur einen kleine kombinierten Mini-Prüfer und -schrauber dabei. Aber bei der Endkontrolle meiner Arbeit leuchtet dieser Miniprüfer an metallischen Teilen aller elektrischen Haushaltsgerätestellen, wo er gar nicht leuchten durfte. Mit den Worten: "Nichts anfassen, hier steht anscheinend alles unter Spannung und ich komme gleich wieder!", bin ich richtiges Prüfzeug aus meiner Werkstatt holen gegangen. Es war wie vermutet, alle metallischen Teile dieser Geräte standen unter 220 Volt Spannung - ausreichen für einen tödlichen Küchenunfall!
Hätte Frau V. also etwas weniger Glück gehabt und ihren Elektro-Wasserkochtopf in der rechten Hand nicht erst zufällig gegen den Schwenkhahn des Elektro-Wasserboilers gestoßen, sondern wie normal üblich dann mit der linken Hand den Schwenkhahn über die Öffnung des Kochers geführt, hätte es zu einem tödlichen Strom-Unfall kommen können. Als ich auf die Ursache kam und an die möglichen Folgen dachte, ist mir, obwohl ich ja schon einiges erlebt hatte, ein leichtes Grauen hochgekommen.
"Cui bono?" oder "Wem zum Vorteil?" habe ich mich gefragt. Was wäre dann?:
Frau V. tot, die Tochter, egal wie die Gerichtsverhandlung ausgeht, Alleinerbin und ich "Glückspilz" unter Verdacht auf fahrlässige oder vorsätzliche Tötung "endlich" aus kriminellen Gründen zum dritten Mal in Haft.
Doch durch etwas Glück und mein umsichtiges Verhalten ist es dazu nicht gekommen.
Aber wie konnte das geschehen, dass trotz beseitigter Fehler in der Verteilerdose alles Metallische immer noch unter Spannung stand?
Die Antwort ist unvermutet einfach: Der nach nachbarschaftlichem Rat herbeigerufene und auch schnell gekommene Störungsdienst hat einfach nur die zwei äußeren Zuleitungsdrähte vertauscht. Danach standen im Haus alle mit dem eigentlichen Schutzleiter verbundenen metallischen Teile unter Spannung und aus dem schutz- war ein möglicherweise todbringender Leiter geworden. Ich habe damals dann den an der Hauptsicherung ankommenden spannungsführenden "Schutzleiter" unterbrochen. Somit konnte nichts mehr passieren. Frau V. hat den Störungsdienst erneut gerufen und der hat endlich die beiden Freileitungsdrähte außen richtig anschließen lassen. Und das Alles kurz vor der überfällig anstehenden Urteilsentscheidung um ein Haus mit Grundstück.
Bevor es aber zu der Gerichtsverhandlung kommt, braut sich ein echtes Gewitter über uns zusammen. Es regnet und donnert nicht nur, sondern ein Blitz schlägt sogar in unser beider Grundstücke ein. Außer einem alten Fliederbusch auf unserer Seite wurde aber nichts zerstört. In unserer Siedlung war das auf einmal das wichtigste Thema, doch über die "Umklemmaktion" herrschte merkwürdigerweise Funkstille. War das Zufall?
Sechs Wochen nach dieser Aktion kommt es endlich nicht in Erfurt sondern in Ilmenau zur gerichtlichen Verhandlung. Dort erlebte ich wieder einmal ein "Glanzstück" sozialistischer Rechtsprechung: Als Prozessvertreter der Frau V. saß ich neben ihr auf der einen und die ungeduldige Tochter auf der anderen Seite des Gerichtsraumes. Plötzlich fiel der Richter nicht über die zweifelhafte Tochter sondern über mich her: Was ich mir den einbilden würde "... Da könnte ja jeder kommen und Verträge rückgängig machen wollen ..." und noch so Einiges.
Nach Worten von Frau V. sei ich kreidebleich geworden und habe, obwohl sie mich auffordernd anstieß, darauf nicht geantwortet. Hätte ich mich aber von diesem "Richter" provozieren lassen, wäre ich nach sozialistischer "Rechtslage" als staatsfeindlicher Hetzer ein Wiederholungstäter und sofort mit einer Mindesthaft von einem Jahr erneut zu bestrafen. Ich wäre aus dem Gerichtsgebäude gar nicht mehr frei herausgekommen und schwieg folglich. Dann war der Richter plötzlich wieder friedlich. Er verkündete, das Urteil werde in einigen Tagen fernmündlich und schriftlich mitgeteilt.
Wir beide, Frau V. und ich als ihr Prozessvertreter, sind danach frustriert nach Hause gefahren. Frau V. war enttäuscht, dass ich so still geblieben war. Wenige Tage danach kam erst telefonisch die mündliche und dann auch die schriftliche Urteilsverkündung, dass die umstrittene Schenkung nichtig sei und Frau V. war wieder Besitzerin von Haus und Grundstück.
Auch ich bin anscheinend zweimal auch durch Glück knapp dem Unheil (Kriminalisierung und dritte Haft) entgangen!
Das geschah in den Jahren 1986/87. Was mag wohl als nächstes kommen, habe ich mir damals gedacht?

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Nov. ´83: Wie ich ein Gerüchtemacher wurde

Nach dem Tode Breschnews am 10. November 1982 wurde Juri Andropow zum Nachfolger als neuer Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) bestimmt. Andropow war seit 1967 der gefürchtete Chef des Geheimdienstes KGB. Aber schon 15 Monate nach Antritt seines neuen Amtes als Generalsekretär, am 9. Februar 1984 starb er, ohne daß er genug Zeit gehabt hätte, Korrekturen am Sowjet-System vorzunehmen.
Im August 1983 hielt er eine Rede vor Parteiveteranen der KPdSU, die auch im Erfurter SED-Parteiorgan DAS VOLK veröffentlicht wurde. Im Text heißt es unter anderem: "... denn jegliche Art von Unordnung, Mißwirtschaft, Gesetzesverletzung, Habgier und Bestechung macht die Arbeit Tausender Agitatoren und Propagandisten zunichte."
Diese Entwicklung gab uns wieder Hoffnung, dass vielleicht unser geheimpolizeilicher Garagenmieter doch seine Machenschaften beendet und unsere von ihm nachgewiesener Maßen zweckentfremdet sowie brandgefährdend genutzte Garage räumt. Dass ich insgeheim befürchtete, die Garage am Haus könne u.a. auch zu Abhörzwecken benutzt werden, war durch den ehemaligen Arbeitskollegen Reginald J. (IM "Annett") längst der Stasi übermittelt. Auf meinen Schreibtisch liegt noch heute zur Erinnerung ein kleines Mikrophon, dass ich im Haus zuvor schon gefunden hatte.
Im Mai dieses Jahres ´83 hatte ich meine mittlerweile langjährige Ehefrau Christl, die Besitzerin des Einfamilienhauses mit der umstrittenen Garage, geheiratet. Wir waren uns schnell einig, dass wir uns selbst von einem Geheimpolizisten nicht "auf der Nase herum tanzen lassen". Mein Ausreisebegehren in die Bundesrepublik gab ich auf, kündigte meine ohnehin gezwungenermaßen unterqualifizierte Berufstätigkeit und nahm keine neue Arbeit in der sozialistischen Produktion wieder auf. Unter der Legende "Hausmann" werkelte ich im und am Haus, bearbeitete den Garten, hatte nebenbei den ominösen Garagenmieter unter Kontrolle und konnte unbemerkt meine kritischen Studien der "Werke" des Karl Marx betreiben. Dass das nicht ganz ungefährlich sein konnte, wusste ich aus meiner Gefängniszeit, denn dort hatte ich inhaftierte Marx-Kritiker kennen lernen dürfen.
Da ich anscheinend auf den Pfad der sozialistischen Tugend zurückgekehrt war, wollte Stasi- Offizier Pfützenreuter und Genossen meinen OV (Operativen Vorgang) "Heizer" zum Jahresende 1983 abschließen - wenn nicht der sich hinziehende Garagenstreit mit dem Genossen Dunkelmann noch wäre, der durch unsere verschiedenen Aktivitäten immer weitere Kreise zog. Auch in der Runde meiner Sportsfreunde erzählt ich über die Vorfälle in dieser Streitsache. Dagegen wurde auch etwas "Abschließendes" unternommen.
Gegen Jahresende war es damals üblich für die Mitarbeiter der Poliklinik Erfurt-Mitte und deren Angehörige ein Betriebsfest durch zu führen. Meine Frau - Schwester Christl aus der Uro-Abteilung - und ich nahmen auch daran teil. Nach den üblichen Reden der sozialistischen Leiter begann der gemütliche Teil mit Essen, Trinken, Unterhaltung und Tanz. In einer Pause gehen wir beide zur Toilette. Plötzlich kommt schräg durch den relativ großen Saal schnell und zielstrebig Schwester Christine aus der Chirurgie auf uns zu. Sie hält uns an und beginnt sofort mit der Klage, dass man ihren Mann, einen damals bekannten Erfurter Fußballer, verhaftet hätte und er nun in Untersuchungshaft säße. Wir waren beide überrascht, weil wir weder mit Fußball noch mit dem Ehepaar G. je näheren Kontakt hatten. Geduldig hörten wir zu und versuchten die Arbeitskollegin Schwester Christine zu beruhigen. Ich beendete dann dieses uns aufgedrängte Gespräch mit den beruhigend gemeinten Worten: "Ach, schauen Sie mich an. Ich war schon zweimal im Gefängnis ..." klopfte mir leicht auf meinen Bauchansatz und beendete den Satz mit "...und bin doch gesund und munter!" Danach konnten wir unseren Weg fortsetzen.
Am Montagabend darauf ging ich wie üblich zum Training mit unserer kleinen Sportakrobatik - Gruppe. Einige Sportsfreunde waren schon da und unterhielten sich wie des Öfteren wieder über den Erfurter Fußball. Obwohl kein Fußballfreund, mischte ich mich diesmal mit ein und erzählte die neue Nachricht, frisch von seiner Ehefrau mitgeteilt, dass der bekannte Fußballer G. in Haft sei.
"Das ist nicht wahr! ..." kam es wie aus der Pistole geschossen aus dem Mund unseres Vereinsleiters, eines zum Schulinspektors in der Erfurter Schulverwaltung aufgestiegenen ehemaligen Lehrers. Und weiter: "Der ist mein Gartennachbar und ich habe noch gestern mit im gesprochen ." Ich versuchte, den Vorfall bei der Betriebsfeier zu erklären. Es war sinnlos. Ich stand da wie ein verlogener Spinner.
Nach dem Sport zu Hause angekommen, erzählt mir meine Frau, was sie Merkwürdiges auf Arbeit erlebt hatte. Von der Geschichte mit dem Fußballer hatte niemand etwas gehört. Aber dass Schwester Christine an dem Abend sogar Zigarre geraucht hätte, so besoffen sei sie gewesen, das hatte eine Tischnachbarin bemerkt.
Dieser merkwürdige Vorfall hat uns noch eine Weile beschäftigt, doch dann überwog wieder die Frage: Wann räumt unser Genosse Dunkelmann die immer noch zweckentfremdet und brandgefährdend genutzte Garage? Das Jahr ´83 schien auch ohne Erfolg zu Ende zugehen. Da erinnerte ich mich an Juri Andropows Rede und setzte ca. zwei Wochen vor Jahresende ein Beschwerdeschreiben an den Staatsrat der DDR auf, in dem ich die aus unserer Sicht fast zwanzig Verfehlungen unseres Garagenmieters aufzählte und sogar den Verdacht äußerte, dass er auch seine kriminalpolizeilichen Möglichkeiten missbrauche.
Am 6. Januar 1984 wurde das Antwortschreiben in Berlin abgeschickt und lag wenige Tage später in unserm Briefkasten. Wir sollten aber merken, dass es einen Umweg gemacht hatte, denn das Äußere war stasihaft typisch bearbeitet: Der Brief war nicht nur halb offen sondern auch bereits einmal halb zusammen gefaltet gewesen, schmuddelig und leicht aber sichtbar zerknittert. Darin wurde uns angekündigt, dass die weitere Bearbeitung die Erfurter Bezirksstaatsanwaltschaft übernehmen werde.
Der Zustand des Antwortbriefes vom Staatsrat-Sekretariat aus Berlin ließ aber Übles vermuten. Was muss, was kann das für eine Geheim-Firma sein, die selbst Staatsratsbriefe abfangen kann und dann noch dreist betont sichtbar "bearbeitet"? Für die meisten DDR-Bürger war das ein offenes Geheimnis, wer solche Möglichkeiten hatte.
Ein Tag später lag ein zweiter Brief, diesmal mit korrektem Aussehen in unserem Briefkasten. Er enthielt die Kündigung der Garage durch unseren Genossen Dunkelmann zum 30. Oktiber 1984.
Am selben Tag war wieder ein Trainingsabend. Natürlich erzählte ich den ersten Sportsfreund, den ich antraf, die Nachricht von der lang ersehnten Garagenkündigung. Plötzlich drängt sich "Sportsfreund" Werner, der Lehrer, Schulinspektor und Gartennachbar des angeblich inhaftierten Fußballers G., dazwischen. Regelrecht hämisch triumphierend posaunt er hinaus: "Dein Gerücht ist mittlerweile Stadtgespräch!"
Erst dachte ich: Wieso denn das, ich habe doch die Kündigung schriftlich. Dann fiel bei mir der Groschen - die merkwürdige Fußballerstory! Ehe ich erklären konnte, eilte er jedoch geschäftig wieder davon. Er war anscheinend über die neueste Entwicklung noch nicht informiert. Wieder drängte es sich mir unwiderstehlich auf: Hier arbeitet jemand aus den konspirativen Hintergrund gegen dich.
Das Jahr 1984 hatte gerade erst scheinbar gut begonnen, doch Big Brother ließ schon wieder grüßen und unsere Befürchtungen sollten berechtigt sein.

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Eine ominöse Kindesentführung

Fünf Tage vor dem Beschluss der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR vom 23. August 1990 über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober 1990 fand die Gründung der Bezirksgruppe Arnstadt/Erfurt der VOS-Gemeinschaft ehemaliger politischer Häftlinge statt. Am Tag darauf lag dem frischgewählten Vorsitzenden Werner Nöckel eine anonyme schriftliche Morddrohung im Briefkasten.
Auch ich wurde in den Vorstand gewählt. Da ich Erfurter war übernahm ich auch die Organisation der ersten Versammlung im Erfurter "Haus des Lehrers" für den folgenden 25. September. In dieser Anfangsphase war der persönliche Aufwand nicht unbeträchtlich.
Nach dem Tod meines Vaters im November ´89 war neben Haushalt, Garten und der Oma meiner Frau nun auch zusätzlich meine halbseitig gelähmte Mutter und mein verheimlicht an Oligophrenie leidender Bruder zu betreuen.
Mitten in den Vorbereitungen zur ersten Erfurter Versammlung ehemaliger politischer Häftlinge ging es mit meiner Mutter dem Ende entgegen. An ihrem Sterbetag, dem 20. Sept. saß ich vormittags noch an ihrem Bett, fuhr dann zwischendurch schnell noch einmal auf meinem Moped nach Hause, um mit unserem Hund Bobby sein obligatorische Mittagsrunde zu machen. Dabei hatte ich wieder einmal ein Erlebnis nicht unbekannter Art.
Auf den Feldern hinter unserer Siedlung hatte ich plötzlich einen Mann hinter mir. Blieb ich stehen, um ihn etwas näher kommen zu lassen, blieb er auch stehen. Ging ich weiter, ging auch er weiter. So ging es mehrmals, bis ich mich entschloß umzukehren und ihm direkt entgegenzugehen. "Kann ich ihnen helfen?" war meine Frage an ihn. Er brabbelte etwas davon, dass er arbeitslos sei und von Weimar/Hopfgarten , ca. 20km entfernt, her komme. Das erschien mir als eine fadenscheinige Ausrede. Später sah ich ihn noch einmal in der Erfurter Fritz-Büchner-Strasse. Ich konnte mein Moped nicht schnell genug wenden, da war er schon wie vom Erdboden verschluckt.
Als ich ins Heim zu meiner Mutter zurückkehrte, war ihr Körper aus dem Zimmer verschwunden. Sie war zwischenzeitlich verstorben. Ich bedauere noch heute, nicht bei ihr geblieben zu sein.
Am Tag vor der ersten Erfurter Versammlung politischer Häftlinge der DDR und SbZ, dem 24. September 1990 bin ich auch mit Begräbnisvorbereitungen beschäftigt. Als ich aus dem damals einzigen städtischen Begräbnisinstitut (ideal für die Firma) heraustrete, kommt anscheinend der nächste Streich. Ein schmieriger Typ mit Honecker-Hütchen bedrängt mich von vorn auf dem Fußweg, als wolle er mich nicht durchlassen und grinst mich dabei an. Ich drehe mich darauf hin um und gehe in die andere Richtung weg. Ich glaubte, verstanden zu haben und sollte ihn dann bei meiner 2. Mordbedrohung wiedersehen.
Am Tag danach findet endlich die 1. Versammlung ehemaliger politischer Häftlinge aus und um Erfurt herum statt. Sie ist für 17 Uhr angesetzt. Ungewöhnlich kurzfristig wird im Siedlungskindergarten von Frau Kindergärtnerin Leuteritz ebenfalls um 17 Uhr eine Elternabend angesetzt. Wir hatten vorerst nichts Bösen dabei gedacht, obwohl uns nicht zuletzt durch merkwürdige vorangegangene Ereignisse nicht entgangen war, daß ihr Ehemann als Politoffizier der Nationalen Volksarmee der DDR ein anscheinend besonders treuer Diener des Systems war.
Also findet diese 1. Versammlung der Erfurter VOS - Gemeinschaft ehemaliger politischer Häftling zeitgleich mit dem merkwürdig kurzfristig angesetzten Kindergarten - Elternabend statt, zu dem gerade zu zwangsläufig nur wenige Mutti´s erscheinen können.
Meine Frau, als die Oma des Kindergartenkindes Christin F., geht stellvertretend für ihre Tochter hin, weil die in Hessen ist, und wird so plaziert, dass sie als einzige auch in den Flur schauen kann. Was muss sie während des merkwürdigen Elternabend sehen?
Der zivil gekleideter Ehemann der Kindergärtnerin L. geht dort hin und her und "lüftet" seine Jacke so, daß nur meine Frau unübersehbar seine untergeschnallte Waffe sehen muss.
Das von mir organisierte zeitgleiche stattfindende 1. Treffen ehemaliger politischer Häftlinge aus Erfurt und Umgebung findet dagegen ohne Störungen statt. Abends wieder zu Hause erzählt mir erregt und verstört meine Frau die Waffendemonstration in dem Kindergarten unserer Enkelin Christin und ist tags darauf kaum arbeitsfähig. Ich erstatte darauf hin Anzeige gegen den ehemaligen Politoffizier L. beim Bezirksstaatsanwalt Sander.
Am Tag darauf muss sich meine Frau aus psychischen Gründen krank schreiben lassen und ich protestiere mit einem Aushang in diesem Kindergarten gegen solchen Psychoterror.
In einer kurzen Aussprache dazu wird mir dort erklärt, L. sei mittlerweile Kriminalpolizist und sei zum Tragen einer Waffe berechtigt.
Am folgenden Tag, dem 30.September, bitte ich in einem Schreiben an den neuen Polizeichef R. Grube um vorerstige Beurlaubung dieses zweifelhaften Kriminalpolizisten.
Am 2. Oktober, einen Tag vor Beitritt der DDR in die Bundesrepublik Deutschland, bestätigt mir das Erfurter Jugendamt die Möglichkeit des Sehens der "verdeckt" zu tragenden Waffe des Kriminalpolizisten L., "...weil es ihm zu warm gewesen sei."(?).
Am Abend dieses Tages hole ich mir zum besseren Einschlafen ein paar Flaschen Bier im Getränkeverkauf in der Straße nebenan. Dort erwartet mich scheinbar schon Wolfgang H., ein Bekannter aus der Nachbarschaft. Er kommt unverblümt zur Sache: "Wenn ich eine Waffe hätte, ich würde dich erschießen!" Ich habe mich nicht provozieren lassen und bin danach mit meinen vier Flaschen Bier wieder nach Hause gegangen. Diese nachbarschaftliche Drohung war kein Zufall!
Am Mittwoch, dem 3.Oktober 1990, dem Beitrittstag, schaltet sich auch der Bundesvorsitzende der VOS - Gemeinschaft ehemaliger politischer Häftlinge R. Knöchel aus Bonn mit einem Schreiben an den Staatsanwalt Sander bezüglich der Bedrohungen ein.
Am 4.Oktober lassen wir vorsorglich unser Enkelchen Christin nach Hessen zu ihrer Mutter bringen und melden das Kind aus dem ominösen Kindergarten ab, denn wer weiß, was noch passieren könnte.
Ich betreibe auch "nebenbei" noch aktiv Wahlkampfwerbung für die FDP, denn für den 14. Oktober sind nach dem Beitritt zur Bundesrepublik wie für alle neuen Länder Landtagswahlen auch für Thüringen angesetzt.
Am 5. Oktober kommt die Mitteilung vom Bezirksstaatsanwalt Sander, dass meine Anzeige an das neue Kreiskriminalamt weiter geleitet wurde. Wahrscheinlich nicht angenehm für den Anfang, denn neu gegründet und schon wird auch ein neuer Kriminalpolizist bei einer kleinen Psychoterror- Aktion auffällig! Vom Kreiskriminalamt haben wir nie eine Antwort erhalten, dafür geschah etwas Schlimmeres.
Am 10. Oktober, vormittags findet die Begräbnisfeier für meine Mutter statt. Mittags wird ein fünf Monate altes Baby samt Kinderwagen in Erfurt entführt. Ein Riesenrummel bricht in den neuen Erfurter Medien aus. Über 100 Polizisten sogar vom Bezirkskriminalamt suchen nach dem Kind. Ein Luftschiff eines westdeutschen Unternehmens unterstützt sie. Selbst aus Berlin unterstützt ein Polizeihubschrauber die Aktion. Auch eine Privatperson, die ungenannt bleiben will, stellt spontan 20000 DM Belohnung zur Verfügung. Damit war unser kleines Psychoterror - Problem plötzlich rein zufällig voll überdeckt.
Sollte das die Antwort der alten Kräfte gewesen sein?
Ich sage ja, denn der Weitergang dieses Falls bestätigt geradezu lehrbuchhaft die "Arbeit" der ehemaligen DDR-Geheimpolizei.
Am 11. Oktober kreist der aus Berlin angeforderte Polizeihubschrauber intensiv auf der Suche nach dem entführten Kind über Erfurt und besonders über unserer Siedlung und dem Kindergarten, in dem kurz zuvor der frischgebackene Kriminalpolizist L. seine Waffendemo abgezogen hatte. Ca. 45 Minuten dröhnt und donnert es über uns (2 von 338 Erfurter Planquadraten). Wenn jedes Planquadrat mit derselben Intensität von oben abgesucht worden wäre, hätte die Suche viele Tage gedauert. Warum aber so intensiv über uns?
Die Antwort ist ganz einfach: ein stiller Mitarbeiter der "Firma" hat unauffällig auffällig einen ähnlichen Kinderwagen des Entführungsopfers Lisa N. auf einem Müllbehälter innerhalb des Kindergartens des Tatortes der "Waffendemo" deponiert. Ein "heißer" Tipp erwirkte das intensive mit viel Lärm und öffentlicher Aufmerksamkeit aber letztlich erfolglose intensive Bemühen der neuen Sicherheitskräfte. Das Baby Lisa Nothnagel war zu der Zeit schon längst in einen kleinen Ort im Thüringer Wald verbracht.
Am Abend dieses dröhnenden Tages findet die 1. Versammlung des neu gegründeten Vereins unserer Stadtrandsiedlung statt, in dem ich auch frischgewähltes Vorstandsmitglied bin. In einer kleinen Pause bestelle ich mir ein Glas Bier in dem Thekenraum. Beim Einschenken sagt der dicke Wirt: "Dich müsste man wie eine Ratte mit der Hacke erschlagen". Dabei war, welch Zufall, der Schmuddeltyp mit dem Honecker-Hütchen und der bereits erkannte Kneipenhorcher und Mordbedroher Wolf H. aus der Nachbarschaft.
Der Medienrummel um Lisa N. verebbte nach ein paar Tagen. Stückchenweise kommen später Nachrichten. Alles löst sich in Wohlgefallen auf, denn das Baby wurde von der Mutter der "Entführerin", einer Erzieherin mit DDR-Ausbildung tagelang liebevoll versorgt, ehe sie die emsig suchende Polizei informierte. Wer die 20000 DM Belohnung erhalten hat, war nicht zu erfahren. Merkwürdig war auch, dass der damaligen Beigeordneten der Erfurter Stadtverwaltung für Recht, Sicherheit und Ordnung genau wie Lisa den Nachnamen Nothnagel trug.
Für uns blieb als Fazit der Eindruck: Das war eine Aktion wie aus dem Stasi -Lehrbuch.
Wolfgang H. hat sich ein, zwei Jahre später aufgehangen. Die Leiche wurde verbrannt und seine Urne anonym beigesetzt.
Mein Mitleid hielt sich in Grenzen und auch seine Auftraggeber hatten einen Mitwisser weniger.

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20 Jahre später: Ein Thüringer Kriminalist erzählt

Klaus Dalski: 1982-1989: Stellv. Abteilungsleiter K und Leiter Untersuchung der Erfurter Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei - parallel neben dem stellvertretenden Leiter der politischen Kriminalpolizei (K1) - und ab1989 bis 31.12.1990 Direktionsleiter im Erfurter Bezirkskriminalamt ist der Autor eines im August 2010 erschienenen Buches mit dem Titel "Der Kopf in der Ilm".
In der Hoffnung, eventuell nachträglich doch noch die versprochene Erklärung vom Erfurter Kriminalamt und vielleicht auch Aufklärung über die ominöse Entführung von Baby Lisa Nothnagel zu bekommen, habe ich es erworben und gelesen.
So beeindruckend die Auswahl kleiner, großer, schrecklicher und kurioser Kriminalfälle aus der Laufbahn des Kriminalisten Klaus Dalski auch ist, sie bleibt letztlich doch eine verdächtig einseitige.
Man könnte den Eindruck gewinnen, die DDR in der Genosse Dalski 25 Jahre treu diente, sei ein von politischer Repression freier normaler demokratischer Staat gewesen. Kein Wort über die Verfolgung und Zersetzung politisch Andersdenkender, an der die DDR-Kriminalpolizei immer mehr oder weniger intensiv beteiligt war. Daran ändern auch die Geschichten über die kriminalistische Zusammenarbeit mit den Sowjets nichts. Nach der Erzählung mit dem Titel "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!" folgt etwas verschlüsselt ein typisches Beispiel "brüderlicher" Zusammenarbeit sowjetischer Einheiten mit DDR-Kriminalisten.
Sieben Sowjetsoldaten desertieren. Ihr Kommandeur bittet die Thüringer um Hilfe. Vier Soldaten werden von den Kriminalisten in einer Bungalow-Siedlung bei Gotha ermittelt. Sowjetische Spezialisten, per Fallschirm abgesetzt und bis an die "Zehenspitzen" bewaffnet, stürmen den Bungalow. Es fallen Schüsse. Abschließend dürfen Genosse Dalski und seine Kriminalisten Spuren suchen und sichern. Sie finden nirgends Einschüsse, aber Blutflecke an der Zimmerdecke des Bungalows, die auf den Umgang mit den vier Deserteuren schließen lassen.
Die Frage, was mit ihnen geschah, lässt der Autor offen. Man vermutet wohl richtig, dass die vier von den Spezialisten kurzerhand hingerichtet wurden.
Weiterhin bleibt offen, wer wohl die Blutflecken beseitigt hat. Die Spurenbeseitigung wird sicher nicht der ahnungslose Bungalow-Besitzer vorgenommen haben, sondern auch die "Kriminalisten". Aber das vergisst der Autor zu berichten.
Nur gut, dass Herr Dalski auch andere Erfolgserlebnisse hatte, wie beispielsweise die Rettung eines kleinen Mädchens aus der Gewalt eines verrückten Geiselnehmers.
Harmlos ausgedrückt erscheint mir "... mit der Schere im Kopf erzählt" als Untertitel des Buches treffender.

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Mit tschekistischem Einfallsreichtum

Nach der Wiedervereinigung engagierte ich mich intensiv für ehemalige politische Häftlinge in und um Erfurt, aber auch für meinen schwachsinnigen Bruder ergaben sich neue Möglichkeiten. Da unsere Eltern nicht mehr lebten, war nur noch ich da, der seine Dummheiten ausbügeln konnte. Aber die alten "Freunde" waren noch aktiv. Damit ihn die Erfurter Geheimpolizei eventuell nicht wieder für Kriminalisierungs- und Zersetzungsmaßnahmen mißbrauchen könnte, brachte ich meinen Bruder wie schon einmal 1986 wieder dazu sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Er bekam wieder einen Termin bei der Ärztin, die schon damals die Dringlichkeit erkannt hatte, aber die Anderen letztlich stärker waren. Am Morgen des Termintages wollte ich mein 15 Jahre jüngeren Bruder mit dem Auto abholen und zur Ärztin bringen, damit es auch ja klappt. Doch er war an den Morgen nicht mehr zu Hause.
Ein gewisser Andreas Leinhos war schneller. Im Nachhinein erinnerte ich mich, dass mein Bruder erstaunt über seine Anwesenheit vor der Arztpraxis sprach. Ich dachte mir nichts Ernstes dabei. An dem Morgen hatte er ihn u.a. mit der Begründung "Dein Bruder will dich doch nur entmündigen lassen!" zu dringenden "Geschäften" abgeholt, die darin bestanden in mehreren verschiedenen Thüringer Sparkassen mit kleinen Geldbeträgen auf seinen Namen Sparbücher zu eröffnen. Ein dritter Mann nahm ihm die Bücher gleich wieder ab und fälschte die kleinen Beträge in große um. Wenige Tage danach fährt Andreas L. mit meinen Bruder eine der Sparkassen an. Er sollte von einem seiner mittlerweile gefälschten Sparbücher einen höheren Betrag abheben. Die Kassenangestellte bittet um etwas Geduld und im Nu ist Polizei da. Man habe einen Tipp bekommen, heißt es nebenbei. Der "Kumpel" Leinhos, der wahrscheinliche Tippgeber, war natürlich bereits vor der Polizei verschwunden.
Polizeikommissar Schmidt aus der PI Salzungen übernimmt die Untersuchung der Urkundenfälschung und des Betrugsversuches. Mein Bruder ist geständig und nennt auch die Namen der beiden anderen Beteiligten. Danach darf er wieder nach Erfurt fahren. Drei Tage später wird er aus seiner Wohnung gezerrt, auf den Boden eines Pkws gezwungen und in einen einsamen Steinbruch bei Bad Berka verschleppt. Dort wird er von dem "dritten" Mann mit einem Baseballschläger nicht nur einmal kräftig auf den Kopf geschlagen. Dessen Worte waren dabei sinngemäß: "Damit du weißt, was du zu sagen hast! ... Damit du weißt, dass du nichts zu sagen hast!..." Betäubt und mit mehreren blutenden Kopfwunden wird er im Steinbruch liegengelassen.
Als ich einen Tag danach vom Berkaer Krankenhaus benachrichtigt wurde, noch ahnungslos von dem ganzen Geschehen, bin ich gleich hin gefahren. Eine Schwester sagte mir, die Kriminalpolizei sei auch schon da gewesen. Als ich dann das teilweise noch blutverschmierte Häufchen Elend sah, wollte ich natürlich wissen was passiert war. "Ich sag gar nichts mehr, ich sag gar nichts mehr!". "Dann kann ich ja auch wieder gehen" erwiderte ich und ging auf den Flur hinaus. Da kam er mir hinkend nach und erzählte doch.
In guter Hoffnung, dass über zwei Jahren nach der Wende die Polizei sich nicht mehr von alten politischen Erwägungen beeinflussen lässt, ihre Arbeit ordentlich macht und, zumal die Namen der Täter bekannt waren, übernahm ich meinen brüderlichen Teil. Ich organisierte die Einleitung eines Betreuungsverfahrens für meinen Bruder. Es gab noch einige Verzögerungversuche aus dem Hinterhalt aber auch Hilfe vom Erfurter Straffälligen-Hilfe-Verband. Es dauerte noch drei Jahre, bis die Betreuung wegen Oligophrenie amtsärztlich angeordnet wurde - eine längst überfällige Entscheidung. Wenn es nach der Erfurter Geheimpolizei gegangen wäre, würde mein schwachsinniger Bruder noch heute zum Zwecke der nachträglichen Kriminalisierung und Zersetzung in Erfurt herumirren. Der bewährte Andreas Leinhos wird sicher neue Aufgaben bekommen haben.
Zu erfahren, ob der verhinderte Totschläger zur Rechenschaft gezogen wurde, ist mir bis heute nicht gelungen. Mein Bruder, bereits dreimal ins künstliche Koma gelegt, schweigt mittlerweile konsequent.
Wie war doch der sarkastische Spruch über das DDR-Regime: "Ruinen schaffen ohne Waffen!" - Der traf auch auf Menschen zu!
Diese Aktion "Sparbücher" fand im Sommer 1992 statt. Bis zum Jahresende war noch viel Zeit in der noch Einiges geschehen sollte. Die Weihnachtsüberraschung war das (mit tschekistischem Einfallsreichtum?) organisierte Verschwindenlassen unseres Enkels für eine Nacht.

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Der verschwundene Enkel

Im Gegensatz zu seinem schwachen Verstand war die Schädeldecke meines Bruders stärker und er überlebte den Totschlagsversuch ´92 im Steinbruch bei Bad Berka. Nach dieser Aktion bekam ich Unterstützung durch Frau Rathsfeld vom neugegründeten Erfurter Straffälligen-Hilfe-Verein. Sie unternahm dankenswerter Weise weitere notwendigen Maßnahmen für meinen Bruder. So konnte ich mich wieder mehr meinen übernommenen Aufgaben zu Betreuung und Organisation ehemaliger politischer Häftlinge in und um Erfurt widmen.
In dieser Zeit suchte das ZDF Zeitzeugen von Stasi-Unrecht. Der Landesvorsitzende unseres Häftlingsvereins VOS Klaus Schmidt kam auf mich zu und ich stellte mich für ein Interview zur Verfügung. Darin erzählte ich auch die Geschichte aus dem Jahr 1984 von dem vorübergehenden Verschwinden der minderjährigen Tochter meiner Frau aus erster Ehe, an dem der Kindesvaters, ein ehemaliger konspirativ arbeitender "Mikrofoneinbauer" für die Erfurter Geheimpolizei, beteiligt war. Nachdem das Mädchen von der "Volkspolizei" gefunden worden war, wurde meine Frau zum VPKA vorgeladen. Dort wurde ihr gesagt:" Wir wissen wo sie war, es liegt nichts Kriminelles vor, wo sie war, sagen wir aber nicht!".
Beim Verlassen des Polizeigebäudes stand wie rein zufällig unser bekannter und berüchtigter Genosse "Dunkelmann" von der BdVP Erfurt Dezernat II sowie MfS Berlin HA IX / AGL erfasst vor der Tür und sagte "gönnerhaft": Hallo!
Wir haben das auch damals schon als eine Art Bandenverbrechen der Erfurter Geheimpolizei gedeutet und mussten eine harte aber notwendige Sicherheitsmaßnahme ergreifen. Mein Interview wurde zwar nicht ausgestrahlt aber der alkoholkranke Vater des Mädchens, das mittlerweile selbst Mutter eines kleinen Jungen war, verstarb wenige Tage nach meinem Bericht des 1984er Geschehens rein zufällig im Alter von nur 49 Jahren im Erfurter "Haus Zuflucht". Rein zufällig bekommt mein Bruder schon am Morgen des Todestages den dringenden Tipp, sich dort sofort persönlich für den plötzlich freigewordenen Platz in diesem Obdachlosenheim bewerben. Das geschah wieder an einem wichtigen Morgen. Nach mehreren Anläufen war es mir nämlich endlich gelungen, dass sich eine Sachbearbeiterin vom neuen Erfurter Betreuungsamt zu einer Besichtigung der Wohnung meines Bruders für die gleiche Zeit angemeldet hatte. Mit etwas Glück und dem Betriebstelefon meiner Frau konnten wir den "dringenden Tipp" verhindern und den nach dem Tod der Eltern unaufhaltsam verkommenen Haushalt meines Bruders der Betreuungsbehörde sichtbar machen. Ein Anfang war endlich gemacht, auch wenn es noch bis zur amtsärztlichen Anordnung einer Pflegschaft drei Jahre dauern sollte.
Aber schon damals ging uns der plötzliche Tod des ehemaligen "Mikrofoneinbauer" der Erfurter Geheimpolizei nicht aus dem Kopf. Hatte man etwa Bedenken, das mein Interview eine öffentliche Nachfrage nach bestimmten kriminellen Machenschaften aus Kreisen der Erfurter Geheimpolizei in Gang bringen könnte? Hat man vielleicht den geschwächten Körper des alkoholkranken und möglicherweise gesprächsbereiten ehemaligen "Mitarbeiters" nur einen kleine finalen "Stups" gegeben? Für Spezialisten sicher kein Problem: Erst ein paar Tage trocken halten und dann bringt ein alter Kumpel eine Flasche Schnaps mit ein paar KO-Tropfen darin und schon bricht sein Kreislauf endgültig zusammen?
Jedenfalls konnte Peter F. zu dem mit seiner Hilfe durchgeführten vorübergehenden Verschwindenlassen seiner Tochter nicht mehr befragt werden. Man hatte damit einen unsicheren Mitwisser weniger. Ich vermute, die ehemaligen Genossen von der Kriminalpolizei werden wahrscheinlich bei diesem Todesfall auch keine Fremdeinwirkung festgestellt haben.
Fünf Wochen später, kurz vor Weihnachten und genau am Geburtstag meiner Frau, gab es noch einmal psychoterroristischen "Nachschlag" und diesmal auch mit für die Tochter aus erster Ehe. Wieder, könnte man annehmen, mit tschekistischem Einfallsreichtum gut vorbereitet und durchgeführt.
Die Tochter hatte ihre Spätdienstwoche. Wie abgesprochen, wollte ihr Mann - wie dann üblich - ihren vierjährigen Sohn aus dem Kindergarten abholen und mit nach Hause nehmen. Der Vater wird aber schon Stunden zuvor von Kriminalbeamten wie zur "Klärung eines Sachverhaltes" weggeholt. Seine mehrfachen Hinweise und Bitten, die Mutter oder uns die Großeltern zu informieren, damit der Junge aus dem Kindergarten abgeholt werden kann, werden mißachtet. Im Gegenteil, wenn er wie gewünscht aussagen würde, könne er ja gleich gehen. Auf dieses erpresserische Angebot geht er aber nicht ein. So muss er bis kurz vor Mitternacht bei diesen ehemaligen DDR- "Kriminalisten" bleiben. Den anderen Part übernimmt eine ehemalige sozialistische Kindergärtnerin. Anstatt den Versuch zu machen, die Mutter des Kindes zu informieren, bringt sie es in ein Erfurter Dauerheim, wie sie es vielleicht zu DDR-Zeiten schon einige Male mitgemacht hatte. Der Vater kommt nach Mitternacht ohne Kind zu seiner Frau nach Hause. Große Aufregung im Hause, wo ist der Junge? Die "Kriminalisten" liegen vielleicht schon in ihren Betten und schlafen den tschekistischen Schlaf der Gerechtigkeit.
Am anderen Morgen im Kindergarten wird klar, wo der Junge ist. Er wird geholt und zu uns, zu Oma und Opa gebracht, weil er sich bei uns immer wohl fühlte und endlich da auch wieder essen konnte, ohne sich zu übergeben.
Die junge Mutti wurde damit auch nebenbei noch einmal verdeckt drohend an ihr eigenes vorübergehendes Verschwinden im Orwellschen Jahr 1984 erinnert. Wenige Wochen später hat sie Hals über Kopf Erfurt verlassen und ist erst einmal in Hessen "untergetaucht". Über die weiteren Hintergründe schweigt sie leider bis heute. Die "Kriminalisten" können beruhigt sein.

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"Ihre Befürchtungen sind berechtigt"?

Ab Januar 1992 war es möglich Akteneinsicht bei der BStU (Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik) zu beantragen, was ich dann auch bereits am 3. Januar tat. Es dauerte aber noch über ein Jahr, bis für mich die Einsichtnahme möglich wurde.
Meine Erwartungen waren von vorn herein zwiespältig, hatte ich doch bei meinen Einsätzen für die Erfurter Bürgerwache im Dezember ´89 mit eigenen Augen einen Berg gründlich geleerter Aktenordner in dem Heizungskeller der Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt sehen können. Auch in dem anderen Stasi-Objekt in der Erfurter Espachstraße konnte ich viele volle Papiersäcke mit wahrscheinlich zerrissenen Unterlagen bemerken. Dort fand auch das Gespräch mit den beiden Stasi-Leuten statt, bei dem fast begeistert die Formulierung
"Die hohe Schule der Anwerbung unter Zwang" geäußert wurde.
Am 26. April 1993 lagen meine gefundenen Stasi-Akten in der BStU Außenstelle Erfurt für mich zur Einsicht im Haus 19 auf dem Petersberg bereit. Auf dem Weg nach oben in die Etage zu dem Aktenlesesaal standen zwei Männer so, dass es eng war und ich kaum vorbei kam. Ich grüßte freundlich, doch es erfolgte weder ein Gegengruß noch wurde ein wenig Platz gemacht, sodass ich mich an den beiden vorbei quetschen musste. Beide Herren waren mir bekannt. Der eine war der neue Außenstellenleiter der BStU Erfurt. Die andere Person, Herr Fiege, aber musste mich kennen, denn in meiner Funktion als Erfurter Vertreter ehemaliger politischer Häftlinge der DDR und SBZ hatte er mit mir bereits zweimal Kontakt gehabt und mir seine Haft- und Verfolgungsgeschichte erzählt. So gut ich konnte hatte ich ihm Rat und Trost gegeben.
Das Verhalten der beiden Männer konnte kein dummer Zufall sein und hat mich deshalb noch lange beschäftigt. Aber auf mich warteten erst einmal etliche Hundert Blatt Akteninhalte. Da sie auf die Schnelle kaum gründlich gesichtet werden konnten, las ich nur oberflächlich. Dann suchte ich am Ende 328 Blätter zum Kopieren heraus, um sie mit nach Hause nehmen zu können. Die Herausgabe der Kopien verzögerte sich mehrfach. Bei dem ersten geplatzten Herausgabetermin äußerte ich u.a. auch meine Verwunderung über das Verhalten der beiden BStU-Mitarbeiter. Ich ging soweit zu sagen, dass ich den Eindruck stasihaften Verhaltens hatte. Nach zwei vergeblichen Anläufen aber klappte die Herausgabe der Aktenkopien endlich. Dabei bemerkte die Mitarbeiterin der Außenstelle nebenbei: "Ihre Befürchtungen sind berechtigt!".
Wie sollte ich das verstehen? Hatte sie wegen mir etwa irgend welchen Ärger bekommen? Sollte vielleicht mein Stasi-Vergleich dem zugrunde liegen? Das wollte ich nicht glauben! Aber was dann?
Der neue Leiter Herr Haschke war zu DDR-Zeiten genau wie ich wegen Worten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er bekam damals für die mündliche Aufforderung: "Haut ab, ihr Russenknechte!" acht Monate Haft. Ich erhielt für meine schriftliche Forderung: "Ich fordere das Menschenrecht auf freie Ausreise" dreieinhalb Jahre Gefängnis. Sollte das eine Rolle gespielt haben? Ich glaube nicht.
Oder sollte meine etwas eigenmächtige Zustimmung als Pressesprecher der Thüringer VOS anlässlich der Freilassung und "freien Ausreise" Erich Honeckers nach Chile der Grund für sein Verhalten sein? Aber auch das verwarf ich.
Am wahrscheinlichsten erschien mir das scheinbar letzte Blatt vom 9. Juli 1989 aus meinen Stasiakten als mögliche Ursache.
Unter dem Titel "Die hohe Schule der Anwerbung unter Zwang"
hatte ich bereits beschrieben wie wir uns letztlich nach dem uns gefährdenden Telegramm aus Ungarn entschieden hatten. Nicht erwähnt habe ich aber dort, wie ich zusätzlichen Schutz vor Verhaftung allein wegen des Verdachtes erwirken wollte und vielleicht auch erreicht habe. Ich bin nämlich nach dem schnellen Abgang des vermutlichen Lockspitzels dahin gegangen, wo ich seine Auftraggeber vermutete, zur "Staatssicherheit". Ein Fehler war es vielleicht, dass ich die unterste Etage des MfS, die Kreisdienststelle Erfurt, wählte. Dort hielt ich dem OvD das veräterische Telegramm vor die Nase und informierte ihn über meinen Verdacht, dass die Stieftochter durch ihren ungarischen "Freund" zum illegalen Verlassen der DDR verleitet werden könnte.
Diese in der Familie (!) abgesprochene "Information" erscheint als letztes (?) Blatt in meiner letzten (?) Stasiakte. Wer aber nicht die Hintergründe kennt, konnte sie einfach als Denunziation auffassen. Das könnte eine wahrscheinliche Erklärung für das unübersehbar unfreundliche Verhalten des frischgebackenen BStU - Außenstellenleiters und seines Mitarbeiters sein.
Dennoch bin ich heute immer noch der Meinung, dass meine "Information" an die, die ich für die möglichen Hintermänner hielt, richtig war. Die Tochter meiner Frau hatte bereits am Tag vor dieser Aktion den zweifelhaften Freund das Ende ihrer Beziehung erklärt, worauf hin er das Haus fast fluchtartig verließ. Aus Ungarn aber auch Österreich hat er uns dann noch mit einigen bösen aber letztlich auch aufschlussreichen Briefen belästigt, sodass sich zusätzlich mit dem Geldzustecken in der Sparkasse (siehe
Die Sparkassenfalle) in mir der Eindruck verfestigte, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Lockspitzel der Geheimpolizei war.

Erneut nachdenkenswert war einige Monate nach dem stasihaften Vorfall auf der Treppe in der Erfurter Außenstelle der BStU ein Besuch des Mitarbeiters Fiege bei mir zu Hause. Wie zufällig kam er dann auf den Vorfall mit dem ungarischen "Freund" im Sommer ´89 zu sprechen. Wie zufällig war die Meinung dieses Herrn fest auf Prostitution fixiert: Das wisse doch jeder, das Ungarn in der DDR so etwas betrieben hätten. Mir war das unbekannt aber ich erinnerte mich sofort wieder an die damaligen brieflichen Vorwürfe: -... Neonazi, Räuber, Mörder, Spion, Fluchtplaner mit falschen DDR-Visa, Strizzi und asozialer Anarchist... Geld genommen, ..wollte immer mehr..- und so weiter (?!?!?).
Es drängte sich mir wieder ein Eindruck auf, als marschiere der Herr Fiege von der BStU Erfurt genau auf der Linie der Kriminalisierung und Zersetzung weiter, die die Erfurter Geheimpolizei bis 1989 gegen meine Familie und mich betrieben hatte. Bei dem wiederholten Nachdenken über die damaligen Vorkommnisse kam uns noch mehr Verdächtiges in Erinnerung. Mosaiksteinchenweise zusammengesetzt ergab sich für meine Frau und mich ein an Tücke und Hinterlist strotzender geheimpolizeilicher Plan, wie man mit einer perfiden Legende während unserer urlaubsbedingten Abwesenheit in unserem Haus eine konspirative Durchsuchung vornehmen wollte. Wir starteten aber unseren geplanten Urlaub mit unserem Enkelchen erst drei Tage später. Ihr "kluger" Zeitplan kam auch dadurch durcheinander. Das konspirative Eindringen unter notfalls Hinterlassung von "Kuckuckseiern" misslang, doch zurück blieben zersetzende Langzeitwirkungen - leider nicht nur im nachbarschaftlichem Bereich.

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Stand: 16. Dezember 2011