Zwischen
Widerstand und Zersetzung
Es geschah im November 1989, wenige Tage
nach der größten Protestdemonstration, welche in der Hauptstadt
der damalige "Deutschen Demokratischen Republik" je
stattgefunden hatte. Auch die bekannte Schauspielerin Steffie
Spira war dabei und beendete ihren von Beifall und Heiterkeit
umtosten kurzen Redebeitrag mit der Aufforderung an die "hohen
Leute" der DDR, das zu tun, was sie nun tun würde, nämlich
"Abtreten" und dann verließ die Rednertribüne. Drei
Tage später, am 7. November, trat die gesamte Regierung der DDR
zurück.
In diesen bewegenden Tagen bekam ich überraschend Besuch von
meiner Tante, meinem Onkel und ihren Ehepartnern. An ihren Mienen
erkannte ich sofort, dass etwas Ernstes geschehen war. Sie
teilten mir mit, dass mein Vater im Krankenhaus sei, die vom
Schlaganfall gelähmte Mutter deshalb nicht mehr versorgen könne
und sie daraufhin in ein Pflegeheim gebracht werden musste. Über
meinen Bruder, der mit Mutter und Vater in einen gemeinsamen
Haushalt lebte, sagten sie kein Wort.
Dieser Bruder, zu der Zeit 32 Jahre alt, fünfzehn Jahre jünger
als ich und ledig, war immer wieder ein Grund, warum ich mit
meinem Vater Streit bekam. Das letzte Mal Ende 1988 so heftig,
dass ich den Kontakt mit Vater, Mutter und Bruder abbrach. Nicht
erst seit den üblen Vorfällen von 1986 war ich davon überzeugt,
dass mein etwas einfältiger erst 1995 wegen Oligophrenie unter
Pflegschaft gestellt auch damals nicht geschäftsfähiger Bruder
zum Zwecke meiner Kriminalisierung und Zersetzung unserer
Familien von der Erfurter politischen Geheimpolizei missbraucht
wurde. Da es ja in der damaligen DDR offiziell keine politischen
Verfolgungen geben durfte, hatte sich das Kriminalisieren
politischer Gegner auch hier als eine gängige und relativ
erfolgreiche Methode entwickelt.
Zu meiner Vorgeschichte gehörte auch die öffentliche Forderung
nach dem Menschenrecht auf freie Ausreise aus der DDR am 1. Mai
1978 auf dem Erfurter Domplatz. In einem Geheimprozess gleich
nebenan am Bezirksgericht wurde ich des Verbrechens der
staatsfeindlichen Hetze angeklagt und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis
verurteilt. Erst nach der Haft erfuhr ich, dass wenige Tage nach
meiner Verhaftung mein Bruder erfolgreich geworben wurde, in die
"Sozialistische Einheitspartei" der herrschenden Real-Sozialisten
einzutreten.
Das wäre an sich nicht so schlimm gewesen, wenn es in einer
seiner voran gegangenen Arbeitsstellen passiert wäre, die er
nach erfolglosen beruflichen Anläufen immer wieder wechselte.
Was mit ihm war, wusste ich ja. Doch es sollte nach dem Willen
unseres Vaters möglichst geheimgehalten werden. Allein der Fakt,
dass er sich noch als Erwachsener mit Mutters Topfdeckel und
Holzlöffel in sein Zimmer zurückzog, um dort Autofahren zu
spielen, war bezeichnend genug.
Auch deshalb vermittelte ich ihn in meinem Betrieb, in dem ich
vor meiner Verhaftung als Ingenieur tätig war, eine Stelle als
Transportarbeiter und Elektrokarrenfahrer. Diese Arbeit machte
ihn trotz schwerer Kistenschlepperei endlich auch etwas Spaß.
Der war aber schnell vorbei, nachdem er sich als SED-Parteimitglied
hatte anwerben lassen. Die Partei gab ihm, den Menschen, der noch
nicht einmal in der Lage gewesen war die 8. Grundschulklasse
erfolgreich zu beenden, den Kampfauftrag Vorträge zum
Parteilehrjahrs der SED zu halten. Natürlich wurde das
aufmerksam von den Betriebskollegen registriert, dass der einfältige
Bruder des gerade erst verhafteten nicht unbeliebten Ingenieurs
Partei-Reden hielt, denen er auch thematisch nicht gewachsen war.
Er machte nicht nur sich lächerlich, sondern ließ sich damit
auch für eine typische Stasi-Zersetzungsmaßnahme missbrauchen.
Seine unmittelbaren Kollegen reagierten prompt, erschwerten ihn
das Betriebsleben und in der Folge wechselte er erneut die
Arbeitsstelle.
Erst nach meiner Haftentlassung erfuhr ich von diesem Streich.
Mein Vater, daraufhin von mir angesprochen, erwiderte: "
Vielleicht hat Klaus-Dieter durch die Partei etwas Schutz."
Ich war da gegenteiliger Ansicht und außerdem, was ist das für
eine Partei, die sich meines einfältiger Bruders auf diese Weise
bedienen muss?
Er blieb ein ideales Objekt für die Erfurter politischen
Geheimpolizei. Diese Bezeichnung der Verantwortlichen im
Hintergrund mag nicht korrekt erscheinen, ist aber angesichts der
mittlerweile nachweisbaren engen Zusammenarbeit von
Kriminalpolizei mit übergeordneten MfS-Offizieren sicher nicht
ganz unrichtig..
Es kam entgegen den Hoffen und Harren unseres Vaters nicht zu dem
erwünschten Schutz durch die "Partei". Im Jahr 1986
wurde es ihm aber doch zu viel und er beauftragte mich, seinen
Kritiker, Ordnung in die verworrenen Transaktionen meines Bruders
zu bringen. Endlich hatte ich Vaters Zustimmung, meinen Bruder
vor den für meine Frau und mich unmissverständlich zersetzenden
Machenschaften zu schützen. Wer die kriminellen Drahtzieher
waren, ahnte wir schon längst. Aber kaum hatte ich mich
eingeschaltet, eskalierten die Ereignisse. Auch von anderer Seite
prasselte es auf uns ein. "Das verfluchte Jahr ´86"
nenne ich auch deshalb seither diese Zeit.
Doch zurück zu den Besuchstag im November ´89. Am Nachmittag
dieses Tages fuhr ich mit meinem Moped in die Medizinische
Akademie und begab mich in die angegebene Abteilung. Die
Schwester nannten mir das Zimmer, in dem mein Vater zu finden sei.
Als ich mich im Flur suchend umschaute, kam ein klapperdürres Männlein
des Wegs. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich die Ähnlichkeit
mit meinem Vater vor einem Jahr. Wir fielen uns wortlos in die
Arme und der Streit von damals war vergessen. Am nächsten Tag
brachte ich ihn ein paar Kleinigkeiten, die er sich gewünscht
hatte. Auch zu Mutter begab ich mich und sagte ihr, dass ich mich
nun wieder kümmern werde. Vom 32jährigen Bruder war immer noch
nichts zu sehen und zu hören. Mutters Fürsorge war die alte.
" Versprich mir, dass du ihn ´mal 5 Mark gibst, wenn er
etwas Geld brauchen sollte." Ich nickte beruhigend.
Am Tag danach trat die DDR-Regierung zurück und bei meinem täglichen
Krankenbesuch des Vaters sprachen wir auch kurz darüber. "Nun
wird es für dich endlich besser." sagte er. Ich verstand es
als ein indirektes zuvor immer abgewehrte Eingeständnis, dass
meine Einschätzung des ruinösen DDR-Regimes die richtigere war.
Wir verabschiedeten uns auf den nächsten Tag mit meinem
Versprechen, ihn nach seinem Krankenhausaufenthalt bei uns zu
Hause pflegend aufzunehmen. Für Mutter würden wir, meine Frau
und ich, auch eine passende Regelung finden, denn wir hatten
unter "Mithilfe" Erfurter Dunkelmänner mittlerweile
viel Platz im eignen Haus bekommen. Aber das ist eine andere
Geschichte.
Am nächsten Tag, den 8. November 1989, fuhr ich mit meinem Moped
und ein paar Kleinigkeiten im Gepäck wieder zum Krankenhaus. In
der Abteilung angekommen, in dem mein Vater eingewiesen war, lief
es dann routinemäßig schnell ab. Ich öffnete das
Patientenzimmer, sah ein leeres frisch bezogenes Bett aber keinen
Vater. "Ja, er ist in der Nacht gestorben", sagte mir
eine Krankenschwester, drückte mir einen Wäschebeutel und
Vaters Papiere in die Hände. Einen Moment stand ich wie benommen
herum, dann raffte ich mich auf, denn nun musste ich der Mutter
im Pflegeheim die Todesnachricht überbringen. Nachdem das überstanden
war, ging es schnell nach Hause, denn meine Tätigkeit als
Hausmann war nicht nur Legende und vielleicht lag auch wieder ein
übler Brief eines damaligen Stasi-Lockspitzels im Kasten.
Dem war nicht so, dafür irritierte mich mein Anruf beim Erfurter
Friedhofsamt, denn eine Frau Doye dort behauptete, mein Vater (seine
Leiche) sei nicht da.
Am 9. November vormittags rief ich erneut an. Wieder gab es die
Antwort, "er" sei nicht da! Danach schwang ich mich
wieder auf mein Moped und fuhr direkt zum Erfurter Friedhof, denn
wir hatten einen Bekannten dort im Krematorium.. Opa Wolle, nach
dem Verstorbenen befragt, antwortete prompt: "Der ist da!".
Aber "Guck ´mal" sagte er gleich darauf, "Da läuft
neuerdings etwas gebückt der Genosse Mischke von der Stasi".
Ich sah allerdings nichts Gebücktes. Auf meine Frage, nach
dessen Aufgabe hier, antwortete Wolle: "Der ist hier für
die würdevolle Bestattungen der Genossen zuständig".
"Ach, schau an, das gibt es auch.", dachte ich mir.
Danach fuhr ich wieder nach Hause, denn es gab wie immer auch
noch anderes als Hausmann und -handwerker am und im Haus und auch
für Frau sowie Tochter, Enkelin und deren Uroma zu erledigen.
Ich war ja der einzige Mann in unserer "geschrumpften"
kleinen Gemeinschaft. Dazu kamen die neuesten Nachrichten aus
Funk und Fernsehen. Politbüromitglied Schabowski verkündete am
Abend, das Reisen, auch "Ständige Ausreisen können über
alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin
..." möglich seien. Auf Nachfrage eines westlichen
Reporters, ab wann denn diese Regelung gelte, antwortete er:
"Das tritt nach meiner Kenntnis
ist das sofort, unverzüglich."
Bei der Herumfahrerei auf dem Moped hatte ich mir außerdem noch
eine Erkältung zugezogen. Die angeblich nicht anwesende Leiche
meines Vaters im Erfurter Krematorium, der sich anbahnende
Zusammenbruch des DDR-Regimes , dem ich schon zwei Gefängnisaufenthalte
"verdankte", aber auch die gerade zuvor erst mühsam
abgewehrten Machenschaften eines raffinierte Stasi-Lockspitzels,
die hatten ihre Wirkung. Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Das sollte aber unser damals fünfjährige Enkeltochter Christin
nicht sehen, dass ihr geliebter Opa weint. Ich verkroch mich in
mein Bett, zog die Decke über den Kopf und ließ meinen Tränen
freien Lauf.
Gegen Mitternacht hatte ich mich beruhigt und begab mich wieder
vor den Fernseher. Berliner Menschen bedrängten die sogenannten
Grenzschützer der DDR. Es fiel erstaunlicherweise kein Schuss
und dann strömten die ersten DDR-ler nach Westberlin hinein.
Einer rief: "Wer jetzt schläft, der ist tot!"
Ich war es - nicht zu letzt Dank meiner Frau - nicht!
Am nächsten Morgen ergriff sie erbost die Initiative und rief
nun ihrerseits das Erfurter Friedhofsamt an. Mit ein paar
deutlichen Worten hatte sie plötzlich Erfolg und Frau Doye gab
zu, dass die Leiche meines Vaters doch da sei. Warum wurde mir
das aber verschwiegen? Sollte Genosse Mischke von der Erfurter
Friedhofs-Staatssícherheit noch eine zweite Aufgabe gehabt
haben, nämlich die der weniger würdevollen Bestattung von Angehörigen
vermeintlicher Staatsfeínde? Die noch folgenden mehrfachen
Verschiebungen des Termins der Urnenbeisetzung, die Zustellung
der Begräbnisrechnung an eine falsche Adresse, so dass ich sie
über Umwege erst sechs Wochen später erhielt und andere
unnormalen Vorgänge um die Leiche und Asche meines Vaters
konnten mir den üblen Verdacht von zersetzenden Machenschaften
der teilweise bereits in Auflösung befindlichen Erfurter
Geheimpolizei samt ihrer willigen Helfershelfer nicht mildern.
Die Hohe Schule der Anwerbung unter Zwang
Anfang Dezember 1989 stieg
aus der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit
in der Erfurter Andreasstraße Rauch auf. Wieso das? Dort war
doch bereits eine Gasheizung installiert und trotzdem qualmte es
aus dem Schornstein der Heizung. Wurden etwa Akten verbrannt, um
Spuren zu beseitigt? Daraufhin drangen mutige Erfurter Frauen und
Männer in die Bezirksverwaltung des MfS ein. Kurz danach wurde
auch friedlich der Zugang in die Kreisdienststelle des MfS in der
Straße der Einheit und in das relativ große Objekt der für
"Beobachtung und Ermittlung" zuständigen Abteilung
VIII in der Espachstraße erzwungen.
Es stellte sich leider bald heraus, dass zu viele Erfurter wieder
einmal den bequemeren Weg wählten, sich erst einmal den "Westen"
ansehen und sich auch das dortige "Begrüßungsgeld"
von 100 DM nicht entgehen lassen wollten. Folglich suchte das
mittlerweile gegründete Erfurter Bürgerkomitee dringend nach Bürgern,
die sich für die öffentlichen Kontrolle der Auflösung der
Erfurter Stasi-Objekte mit einzusetzen bereit waren.
Obwohl ich neben meinen eigenen mit den Problemen um den Tod
meines Vaters, der gelähmten Mutter und meines "geschäftsunfähigen"
Bruders eigentlich ausgelastet war, stellte ich mich zur Verfügung.
Mein 2. Einsatzort war das Objekt der Abteilung VIII (Beobachtung
und Ermittlung) in der Espachstraße.
Es wurde dort eine lange Nacht, denn die angekündigte Ablösung
der "Bürgerwache" kam und kam nicht. So war auch ein
vertraulicheres Gespräch zwischen mir und einem der beiden Stasi-Männern
möglich. Er war sich keiner Missetat bewusst und empfand unsere
Erregung als unberechtigt. So begann ich ihm ein Erlebnis aus dem
letzten Sommer im zu Ende gehenden Jahr ´89 zu erzählen. Mit
der Geschichte war ich noch lange nicht fertig, da rief er seinen
anderen Genossen: "Komm schnell her, das musst du dir anhören,
das ist die Hohe Schule der Anwerbung unter Zwang!"
Er sagt "Hohe Schule ..." - wir, meine Frau und ich,
haben dabei fast "Blut und Wasser" geschwitzt. Er war
sich überhaupt nicht bewusst, was seine "Genossen" bei
den Betroffenen ihrer Tätigkeiten anrichteten! Was war das für
eine Geschichte? :
Dass ich als politisch Vorbestrafter mit dreieinhalb Jahren Haft
wegen angeblicher "Staatsfeindlicher Hetze" (sieben
Worte - pro Wort ein halbes Jahr Gefängnis!) unter Beobachtung
stand, war für mich klar. Zu den ausgefeilten Unterdrückungsmethoden
des DDR-Regimes gehörte es auch, ihren aus der Haft entlassenen
politischen Gegnern keine Unterlagen über Anklage und Urteil zu
übergeben. Gleichzeitig wurden in guter Zusammenarbeit mit der
Kriminalpolizei Falschinformationen gestreut. Den Rest besorgten
willfährige Staatsbürger. In unserem Falle lag außerdem ein
Konflikt mit einem Mieter einer unserer beiden Garagen am
Einfamilienhaus zu Grunde. Er war, obwohl immer in Zivil, ein
Angehöriger der Erfurter Bezirksbehörde der Deutschen
Volkspolizei, Dezernat II (Schwere Gewaltverbrechen: Mord
Brandstiftung usw.) und gleichzeitig ein Mitarbeiter der
Hauptabteilung IX des MfS Berlin. Und ausgerechnet diesem braven
"Genossen" konnte ich, der politisch sogar zweifach
vorbestrafte "Verbrecher", diverse Vergehen nachweisen.
Damit hatte ich nicht nur zwei konspirativ operierende Gegner
hier in unserer schönen Stadt Erfurt. Oder vielleicht sogar noch
mehr, denn in meinen nicht vernichteten Stasi-Akten war später
nachlesbar, dass sich auch die Äußere Abwehr für mich
interessierte.
Wie auch immer. Was war das nun für eine Geschichte, die den
Stasi-Mann zu einer solchen Einschätzung animierte?:
Am 1. Juli ´89 frisch aus unseren Campingurlaubes mit Enkelin am
Plauer See in Mecklenburg wieder zurück zu Hause, erwähnt ihre
Mutter, Tochter meiner Frau aus erster Ehe, die erst später
Urlaub machen wollte, ein zuvor eingetroffenes Telegramm ihres
Freundes aus Ungarn mit merkwürdigem Text. Da Ungarn ein
zunehmend beliebteres Ausgangsland für fluchtwillige DDR-Bürger
war und die Tochter im Anschluss an uns ihren Urlaub in Ungarn
machen wollte, wurde ich etwas misstrauisch. Ich ließ mir das
Telegramm zeigen.
"ich
komme am sonntag nehme deine kopfgeld mit viel Kussi Peter", lautete der Text. In dieser kritischen Zeit so
eine Wortwahl in einem offenen Telegramm zu benutzen, dass über
Fernschreiber im Erfurter Hauptpostamt ankommt und von einem mit
lesenden "Postler" weiter bearbeitet werden musste, war
für mich sofort Verdacht erregend. Auch war es für die meisten
DDR-ler ein offenes Geheimnis, dass die Stasi intensiv die Post
der Bürger kontrolliert. Bei Telegrammen war das besonders
einfach, wie sich später herausstellte hatte die dafür zuständige
Abteilung "M" des Erfurter MfS die Kabel angezapft und
Fernschreiber in eigenen Räumen parallel zugeschalten.
Allein dieses tückische Wort Kopfgeld geht sehr
wahrscheinlich nicht unbemerkt durch die Kontrolle, erklärte ich
der Tochter. So richtig wollte sie mir das aber noch nicht
glauben. Doch am nächsten Tag kam ihr ungarischer Freund im
eignen PKW Typ Lada bereits bei uns angereist und sie wollte ihn
selbst fragen. Merkwürdigerweise kam er nicht allein, sondern
mit seiner 12jährigen Nichte aus Ungarn zu uns. Meine Frau und
ich mieden vorerst jeden Kontakt mit den beiden, obwohl es in
unseren Einfamilienhaus recht beengt zuging. Erst sollte der uns
gefährdende Telegrammtext aufgeklärt werden. Die Tochter kam
dann etwas später aus ihrer im ersten Stock befindlichen Wohnung
zu unserer ins Erdgeschoss. Er hätte sich dabei nichts
besonderes gedacht, war seine Antwort.
Mit meiner Stasi-Hafterfahrung wusste ich nur zu gut, dass
bereits der Verdacht von Vorbereitung und Versuch bei "Ungesetzlichem
Grenzübertritt" und "Menschenhandel" nach dem DDR-Strafgesetzbuch
zur Verhaftung und mehrjährigen Freiheitsstrafen führen konnte.
Das erklärte ich der Tochter meiner Frau, also meiner
Stieftochter, eindringlich.
Es kam mir noch eine Merkwürdigkeit bei der geplanten
gemeinsamen Urlaubsreise von Tochter und Freund in seine Heimat
in den Sinn. Warum sollte seine Freundin aus der DDR mit ihrer fünfjährigen
Tochter bei dem anstehenden Urlaub von Erfurt aus mit dem
Flugzeug nach Ungarn fliegen? Er aber fährt in seinem Auto mit fünf
Sitzen nur mit seiner Nichte zurück nach Ungarn. Das alles war für
meine Frau und mich nicht hinnehmbar. In unserem Haus herrschte
danach einige Tage eine eisige Atmosphäre. Wir sprachen mit
diesem ungarischen "Freund" kein Wort. Die Tochter
pendelte, in der Hoffnung unsere Befürchtungen seien
unberechtigt, zwischen den beiden Wohnungen hoch und runter.
Mittlerweile hatte ich ihr auch ausgemalt, was im schlimmsten
Fall eintreten könnte. Der "Freund" tritt mit seinem
Auto die Rückreise nach Ungarn an. Sie dagegen begibt sich mit
ihrer kleinen Tochter ahnungslos zum Erfurter Flugplatz. Sie will
in den Flieger nach Ungarn steigen, wird statt dessen von zwei
netten unauffälligen Herren beiseite genommen, die fünfjähriges
Tochter wird von ihr getrennt und einer netten fremden Frau von
der gleichen Firma übergeben. Verdacht auf Flucht und
Menschenschmuggel lautet der Vorwurf bei der Festnahme, während
der Verursacher des tückischen Telegrammtextes anderswo "unterwegs"
ist. Und was dann, wenn die "Untersuchung" länger
dauern würde? Die fünfjährige Tochter, unser Enkelchen, würde
nicht in den Haushalt eines angeblichen "feindlich negativen
Elements" gelassen werden, sondern in einem regimetreuen
Kinderheim verschwinden.
Nun endlich sah die Tochter ein, dass sie so ein Risiko nicht
eingehen durfte. Und dann geschah etwas, was wir gar nicht
erwartet hatten. Sie kam selbst mit dem Vorschlag, an Stelle des
riskanten Urlaubs in Ungarn auch einen Campingurlaub am Plauer
See in Mecklenburg durch zu führen. Dieser Lösung stimmten wir
erfreut zu, denn wir wussten ja wie begeistert ihre kleine
Tochter mit uns dort gerade erst zwei schöne Campingwochen
verbracht hatte.
Sie ging erleichtert hoch zu ihren ungarischen Freund und überbrachte
ihm diesen Lösungsvorschlag. Niedergeschlagen kam sie wenig später
wieder zu uns herunter, denn er hatte kategorisch abgelehnt. Er
hatte nicht einmal das Argument verwendet, seine 12jährige
Nichte zurück bringen zu müssen. Danach gab es keine Nachsicht
mehr. Die Tochter erklärte ihm das Ende ihrer Beziehung und er möge
abreisen, was er auch umgehend tat. Von mir versuchte er sich
noch mit "Auf Wiedersehen" zu verabschieden, worauf ich
nur durch den Türschlitz antwortete: "Für uns gibt es kein
Wiedersehen und der Grund ist das Telegramm". Daraufhin
erfolgte keine Rechtfertigung aber sein schneller Abgang aus dem
Haus.
In dieser bewussten Nacht im Dezember 1989 als Vertreter der Bürgerwache
bei der Auflösung der "Staatsicherheit" im Objekt der
Erfurter Abteilung VIII für "Ermittlung und Beobachtung"
hatte der junge Stasi-Mann geradezu begeistert meiner Erzählung
gelauscht und von der "Hohen Schule der Anwerbung unter
Zwang" gesprochen. Doch es ist ja nicht dazu gekommen. Ich
hatte aber zwischendurch zu gegeben, dass ich im ungünstigsten
Falle, um wenigstens der fünfjährigen Enkelin den Schock der
Trennung von Mutter und Großeltern zu mildern, bereit gewesen wäre,
den "Genossen" von der Stasi meine Mitarbeit anzubieten.
Dank Glück, Misstrauen und Vorsicht musste es nicht dazu kommen.
Dass dieser ungarische "Freund" ein Stasi-Lockspitzel
war, wurde uns spätestens im September 1989 klar, doch das ist
die nächste Geschichte, die ich die "Sparkassenfalle"
nennen möchte.
Nach dem schnellen Abgang des mutmaßlichen Stasi-Lockspitzels
Anfang Juli 1989 trat wieder Ruhe in unserem Haus ein. Aber sie
war trügerisch zumal sich die Nachrichten von außen
beunruhigend zuspitzten. Nach der Niederschlagung der
studentischen Demokratiebewegung auf dem Pekinger Platz des
Himmlischen Friedens und dem dortigen Massaker an Tausenden von
Menschen und der Einschätzung der DDR-Führung, das als eine
gerechtfertigte Maßnahme gegen die Konterrevolution zu
bezeichnen, wächst die Angst vor einer "chinesischen Lösung"
in der DDR. Die Opposition in der DDR wird zunehmend aktiver,
doch andererseits haben viele Menschen die Hoffnung auf Reformen
aufgegeben und flüchten, wie und wo sie können. Durch die
Demontage der ungarischen Grenzanlagen zu Österreich beginnt die
Fluchtbewegung von DDR-Bürgern zu eskalieren. Auch die
Botschaften werden von Fluchtwilligen mit dem Ziel der Ausreise
besetzt.
Unser ungarischer Lockspitzel bearbeitet uns derweil mit
verleumderischen Schreiben. Am 2. August ´89 erhält die Tochter
einen aufschlussreichen Brief. Er beginnt nicht etwa mit einer
Entschuldigung, dass er durch ein unbedachtes Wort den
gemeinsamen Urlaub zerstört hat, sondern er eröffnet gleich den
Text mit: " ... Du musst alles wissen. Deine "Eltern"
leider sehr schlaue Neonazi ..." ,
" ... Geld was er gekriegt, war wenig für ihn wollte immer
mehr und mehr." Und abschließend: " ... wenn du suchst
neuen Mann, suche von Stasi welche kann dir was helfen dich frei
zu machen."
Die Tochter gab mir diesen "Brief" unaufgefordert zu
lesen. Da sind wir, meine Frau und ich, anschließend doch ins Grübeln
gekommen.
Ich hatte von dem Kerl keine Mark genommen, durfte mir aber so
nebenbei vor dem Rausschmiss von ihm anhören: "Ach, ist das
schön billig hier"! Da hatte er nicht unrecht, denn damals
war er angeblich nicht mehr in der DDR sondern nun sogar in Österreich
als Monteur tätig. Bei den damaligen Wechselkursen und den ruinös
billigen Preisen in der DDR, war seine Einschätzung richtig. Außerdem
konnte er sich kostenfrei bei seiner "Freundin" in
unserem Haus einquartieren.
In seinem nächsten Brief vom 10. August ´89 an mich spielte
wiederum Geld, das ich nie erhalten habe, eine wichtige Rolle.
Diesmal unterstellt er mir, ich hätte mit dem Geld über Ungarn
mit einem falschen Visa verschwinden wollen, zur Freude
mitlesender Stasi-Postschnüffler. Auch erscheint wieder rein zufällig
der typische Vorwurf an einen vorsätzlich ohne Unterlagen über
die Gründe seiner politische Haft Entlassenen, : "Wenn sie
im Gefängnis waren, weiß nur Sie und die Polizei warum. Sie
sind vielleicht Räuber, Mörder oder Spion!"
Während dieser ehemalige ungarische "Freund" solche
Machwerke in Umlauf bringt, sind die Politiker seines Landes auf
einem ganz anderen Weg. Schon zwei Wochen zuvor am 27. Juni ´89
hatten die Außenminister Ungarns und Österreichs , Gyula Horn
und Alois Mock, in einer symbolischen Geste den Grenzzaun
zwischen ihren beiden Ländern zerschnitten. Am 19. August wird
geduldet, dass während des "Pan-europäischen Picknicks"
etwa 600 DDR-Bürger die offene Grenze zu Österreich zur Flucht
nutzen. Allein im Monat August verlassen auf allen möglichen
Wegen nach DDR-"Recht" rechtswidrig (Strafgesetzbuch
DDR, § 213, Ungesetzlicher Grenzübertritt, Freiheitsstrafen bis
zu 8 Jahre Gefängnis) rund 30.000 Menschen die DDR. Anfang
September ´89 beginnt die erste Montagsdemonstration in Leipzig.
Stasi-Leute prügeln Menschen, zerfetzen Transparente und
verhaften. Heimlich aufgenommene Filme und Bilder gehen mittels
westlichen Medien rund um die Welt. In der Nacht zum 11.
September wird die Grenze zwischen Ungarn und Österreich endgültig
geöffnet. Ein Massenflucht von mehr oder weniger unauffällig
wartenden DDR-Bürgern beginnt. Es geht dem Ende der DDR entgegen.
Am 18. September erhält unsere Tochter erneut einen Brief von
ihrem zweifelhaften "Freund" aus Ungarn. Wieder der
Vorwurf , ich hätte Geld genommen und er lockt sie mit einer
beiliegenden Karte aus Wien mit dem Text: "Schade dass du
nicht mit mir bist!", während die DDR-"Sicherheitsbehörden"
immer nervöser reagieren.
In der Nacht kommt mir plötzlich die Erinnerung, dass ich doch
noch ein schon lange ungenutztes Girokonto bei der Erfurter
Sparkasse habe. Was, wenn zum Zwecke meiner Kriminalisierung,
dort verdächtige Einzahlungen stattfinden, von denen ich nichts
weiß?
Bei der vergeblicher Suche nach dem zugehörigen Ausweiskärtchen
vermisse ich auch ein Notizbuch mit Adressen. Eiligst mache ich
mich tags drauf am 19. September ´89 zur Sparkassenfiliale
Erfurt-Nord. Die befindet sich im Umbau und der Ersatzverkehr
findet in Nebenräumen der damaligen Hauptfiliale am Erfurter
Rathausplatz statt. In der Ersatzstelle neben der Zentrale
angekommen, versuche ich der Kassenangestellten zu erklären,
dass ich mein altes Konto auflösen möchte und doch leider den
kleinen Ausweis nicht finden kann. Das sei kein Problem, erklärte
sie und es begab sich jemand auf die Suche. Doch relativ schnell
kam die Kollegin zurück und mir wurde energisch gesagt, dass ich
nie ein Konto in der Nord-Filiale gehabt hätte. Doch in der
Hauptsparkasse nebenan sei dagegen ein Konto auf meinen Namen.
Etwas verwirrt begab ich mich dorthin. An einem Schalter dort
legte ich die mir eben erst in die Hand gedrückte angeblich
einzige Kontonummer bei der Erfurter Sparkasse vor und bat um
Auflösung dieses Kontos. Nach kurzer Prüfung wurde mir mit
Bullbeißerblick erwidert: "Sie? - Das ist nicht ihr Konto."
Meine Verwirrung steigerte sich. Im Bürozimmer 1 oder 6 fand ich
zwei junge Frauen, die mir helfen sollten. "Kein Problem, es
wird schon noch alles auf dem Konto sein." Ich konnte mir
nicht verkneifen zu sagten: "Ich will ja gar nichts drauf
haben!" Doch es dauerte auch für sie anscheinend ein wenig
länger als gedacht, bis sie die Verwirrung um meine ominösen
Girokonten geklärt hatten. Ich hatte tatsächlich ein Konto auf
der Hauptsparkasse gehabt, doch "man" habe vergessen
nach der Auflösung 1978 die Registerkarten (?) zu entfernen.
Doch unerklärlich war den beiden Frauen, warum ich angeblich
kein Konto bei der Zweigstelle Nord haben sollte, obwohl nach
ihrer Recherche doch eins mit noch 6,87 (DDR) Mark Guthaben
vorhanden war. So aufgeklärt, begab ich mich aus der
Hauptfiliale zurück in die provisorische Zweigstelle Nord nach
nebenan.
Man bat mich dort einen Moment zu warten. Tief über alles in
Gedanken versunken stand ich dicht neben dem Sparkassenschalter,
als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich anscheinend schon
relativ lange meinen Blick auf den ein wenig weit geöffneten
Blusenausschnitt der Kollegin am Sparkassenschalter gerichtet
hatte. Frau Söffing wird mir sicher verzeihen, dass ich mit
meinen Gedanken ganz woanders war. Kaum hatte ich mein Vergehen
bemerkt und die Blickrichtung geändert, stürzte sich fast ein
Fremder neben mir mit halben Oberkörper in die Schalteröffnung.
Fast gleichzeitig wurde ich von hinten von einem zweiten Fremden
angesprochen. "Hier", sagte er zu mir "Das hat
einer verloren." und drückte mir eine Geldbörse in die
Hand. "Was ist das schon wieder?", schoss es mir durch
den Kopf. Geradewegs instinktiv pochte ich den ersten Fremden in
seine Oberkörperseite. Er zog sich etwas zurück aus der
Schalteröffnung und schaute zu mir. Dadurch wurde ein Spalt frei
und ich schob das Objekt wie eine heiße Kartoffel der
Kassenangestellten mit den Worten "Das hat einer gefunden"
hinein.
Sie nahm es an sich, zog es aus der kleinen durchsichtigen
Plastetüte, öffnete es, sagte: "Oh, Forum-Schecks!",
schloss es schnell wieder und legte es, ebenfalls wie eine heiße
Kartoffel schnell zur Seite.
Als ich eben über die zugesteckte Geldbörse in der kleinen
durchsichtigen Plastiktüte nach zu denken beginne, kommt wieder
die Angestellte, die mir kurz zuvor versichert hatte, nie ein
Konto hier gehabt zu haben, bedauert den Irrtum und lässt mir
die Auflösungssumme von 7,30 DDR Mark meines dort schon seit über
zehn Jahren bestehenden, nicht mehr genutzten und letztlich
vergessenen Girokontos auszahlen. Die beiden fremden Herren, die
mir gerade erst rechts und links dicht bei Seite standen, waren
plötzlich auch wieder fort. Ich stand verwirrt da. Doch 7,30 DDR-Mark
hatte ich mehr in der Tasche. Also konnte ich nicht geträumt
haben.
Zurück zu Hause habe ich treu und brav alles erzählt, was mir
auf der Erfurter Sparkasse am Fischmarkt neben dem Rathaus
passiert war. Anscheinend auch für die Tochter glaubwürdig,
denn noch ein Jahr nach dem Untergang der DDR sah sie in einer
anderen Kasse einen Fünfzig-Mark-Schein am Boden liegen und hat
einen großen Bogen um ihn gemacht, anstatt ihn aufzuheben. Ihr
neuer Freund und heutiger Ehemann hat sich noch lange darüber
lustig gemacht.
Warum wurde versucht mir im September ´89 Forum-Schecks, die man
nur in der staatlichen Notenbank der DDR für für "Westgeld"
erhalten konnte, zuzuschieben? Ich konnte nur eine Erklärung
finden: Die Hintermänner des ungarischen "Freundes"
wussten, dass ich keine "müde Mark" von ihm angenommen
hatte.
Immer wieder kamen uns die schriftlichen und von der Erfurter
Stasi mitlesbaren Vorwürfe gegen mich in den Sinn: "Neonazi,
Räuber, Mörder, Spion, Fluchtplaner mit falschen DDR-Visa,
Strizzi und asozialer Anarchist. Wer da innerlich nicht stark
genug ist, wird Schritt für Schritt in die Verzweiflung
getrieben. Ich hatte aber auch glücklicherweise meine Frau, die
mir treu zur Seite stand.
Wahrscheinlich sind nicht wenige DDR-Bürger durch den mit
deutscher Gründlichkeit weiterentwickelten Psychoterror so
zersetzt worden, dass sie sich aus verzweifeltem Selbstschutz in
das absolute Verdrängen, Schweigen und sogar in den Selbstmord
geflüchtet haben.
Frau V. sah mich damals über den Zaun im Garten und am Haus
meiner Frau arbeiten und aus meinen manchmal finsteren Blick und
den gestreuten Informationen von Stasi und politischer
Kriminalpolizei folgerte sie wie erwünscht: Das ist bestimmt ein
Mörder! Das wirkliche Urteil konnte der Politische ja nicht
vorweisen, denn vorbeugend wurde ihm solche Unterlagen nicht
ausgehändigt. Die Spezialisten aus dieser Truppe kannten die
Ansatzpunkte und brauchten später nur nach zu helfen. Die
geheime Rückendeckung war längst vorhanden: Der politischen
Gegner sollte möglichst auch kriminalisiert werden!
Der Mann der Frau V., ein ehemaliger Volkspolizist; stirbt 1986
überraschend. Ihre Tochter, Narkoseärztin in Ilmenau, übernimmt
das Handeln, schreibt die Mutter aus der Ferne nervlich bedingt
krank, gibt ihr starke Beruhigungstabletten und lässt sich in
dieser Zeit Haus und Grundstück notariell beglaubigt von ihrer
Mutter schenken. Nachdem Frau V. nicht mehr unter starken
Tabletteneinfluss steht und die Tochter rüde ihre die neue
Besitzlage mitgeteilt hat, wird die Mutter rebellisch und sucht
Hilfe. Sie rennt als Erstes zu ehemaligen Polizei-Kollegen ihres
Mannes und schildert ihre Misere. Sie wird letztlich mit den
Worten: "Was soll´ne wir da mache?" abgewiesen.
Tränenüberströmt kommt sie zu mir, den angeblichen
Kriminellen, denn sie hat trotz meines gelegentlich finsteren
Blicks allmählich Vertrauen zu mir geschöpft. "Peter hilf
mir, meine Tochter hat mir alles weggenommen!" waren ihre
Worte. Ich ließ mir die Geschichte schildern und habe schnell
den wunden Punkt gefunden. Laut DDR-Gesetz waren Schenkungen ungültig,
wenn der Schenkende in einem geistig eingeschränkten Zustand war.
Also übernehme ich, der angebliche Kriminelle, die Aufgabe, der
Witwe des ehemaligen Volkspolizisten Georg V. zu ihrem Recht zu
verhelfen, nämlich die zweifelhafte Schenkung wieder rückgängig
zu machen. Rechtsanwalt M. wurde von uns beauftragt die
notwendigen Schritte einzuleiten. Nach monatelangen zweifelhaften
Verzögerungen entzieht Frau V. ihm die Vertretung und übergibt
sie mir. Mittlerweile war fast ein Jahr vergangen und wir
warteten auf die notwendige gerichtliche Klärung.
In dieser Zeit , wenige Wochen vor der längst überfälligen
Verhandlung, geht das Ehepaar B. aus unserer Nachbarschaft am
umstrittenen Haus der Frau V. vorbei. Herr B. bemängelt die
durchhängende freie Elektrozuleitung zum Haus. Frau V. reagiert
prompt und bestellt den Störungsdienst. Der kommt auch schnell
und klemmt von außen neue Drähte an.
Tags drauf kommt Frau V. erschreckt zu mir `rüber gerannt. Es hätte
gefunkt und gekracht und der Strom sei weg! Ich bin gleich mit
hinüber gegangen und als erstes nach der Sicherung gesehen. Die
war erstaunlicher Weise noch ganz, obwohl der Strom doch weg war!
Ganz unwissend von elektrotechnischen Dingen war ich ja nicht,
denn zu meinem Berufsleben gehörte eine Ausbildung als
Fernmeldemechaniker und Ingenieur der Feinwerktechnik .
Die große Frage war dann, wieso gibt es einen funkensprühenden
Kurzschluss, im ganzen Haus ist danach der Strom weg und trotzdem
sind die Sicherungen noch ganz?
Dann kam ein Hinweis der Frau V., der Schwiegersohn hätte an
einer Verteilerdose etwas gemacht. Dem bin ich nachgegangen und
festgestellt, in einer Dose waren die Feststellschrauben der Alu-Drähte
locker und ein Drahtende war ganz weggeschmolzen. Diese
Schmorstelle hatte anscheinend die Rolle der Sicherung übernommen
und die offizielle war deshalb heil geblieben. Die Fehler in der
Dose habe ich dann beseitigt und war nun guter Hoffnung, das
Problem gelöst zu haben. Ich hatte nur einen kleine kombinierten
Mini-Prüfer und -schrauber dabei. Aber bei der Endkontrolle
meiner Arbeit leuchtet dieser Miniprüfer an metallischen Teilen
aller elektrischen Haushaltsgerätestellen, wo er gar nicht
leuchten durfte. Mit den Worten: "Nichts anfassen, hier
steht anscheinend alles unter Spannung und ich komme gleich
wieder!", bin ich richtiges Prüfzeug aus meiner Werkstatt
holen gegangen. Es war wie vermutet, alle metallischen Teile
dieser Geräte standen unter 220 Volt Spannung - ausreichen für
einen tödlichen Küchenunfall!
Hätte Frau V. also etwas weniger Glück gehabt und ihren Elektro-Wasserkochtopf
in der rechten Hand nicht erst zufällig gegen den Schwenkhahn
des Elektro-Wasserboilers gestoßen, sondern wie normal üblich
dann mit der linken Hand den Schwenkhahn über die Öffnung des
Kochers geführt, hätte es zu einem tödlichen Strom-Unfall
kommen können. Als ich auf die Ursache kam und an die möglichen
Folgen dachte, ist mir, obwohl ich ja schon einiges erlebt hatte,
ein leichtes Grauen hochgekommen.
"Cui bono?" oder "Wem zum Vorteil?" habe ich
mich gefragt. Was wäre dann?:
Frau V. tot, die Tochter, egal wie die Gerichtsverhandlung
ausgeht, Alleinerbin und ich "Glückspilz" unter
Verdacht auf fahrlässige oder vorsätzliche Tötung "endlich"
aus kriminellen Gründen zum dritten Mal in Haft.
Doch durch etwas Glück und mein umsichtiges Verhalten ist es
dazu nicht gekommen.
Aber wie konnte das geschehen, dass trotz beseitigter Fehler in
der Verteilerdose alles Metallische immer noch unter Spannung
stand?
Die Antwort ist unvermutet einfach: Der nach nachbarschaftlichem
Rat herbeigerufene und auch schnell gekommene Störungsdienst hat
einfach nur die zwei äußeren Zuleitungsdrähte vertauscht.
Danach standen im Haus alle mit dem eigentlichen Schutzleiter
verbundenen metallischen Teile unter Spannung und aus dem schutz-
war ein möglicherweise todbringender Leiter geworden. Ich habe
damals dann den an der Hauptsicherung ankommenden spannungsführenden
"Schutzleiter" unterbrochen. Somit konnte nichts mehr
passieren. Frau V. hat den Störungsdienst erneut gerufen und der
hat endlich die beiden Freileitungsdrähte außen richtig
anschließen lassen. Und das Alles kurz vor der überfällig
anstehenden Urteilsentscheidung um ein Haus mit Grundstück.
Bevor es aber zu der Gerichtsverhandlung kommt, braut sich ein
echtes Gewitter über uns zusammen. Es regnet und donnert nicht
nur, sondern ein Blitz schlägt sogar in unser beider Grundstücke
ein. Außer einem alten Fliederbusch auf unserer Seite wurde aber
nichts zerstört. In unserer Siedlung war das auf einmal das
wichtigste Thema, doch über die "Umklemmaktion"
herrschte merkwürdigerweise Funkstille. War das Zufall?
Sechs Wochen nach dieser Aktion kommt es endlich nicht in Erfurt
sondern in Ilmenau zur gerichtlichen Verhandlung. Dort erlebte
ich wieder einmal ein "Glanzstück" sozialistischer
Rechtsprechung: Als Prozessvertreter der Frau V. saß ich neben
ihr auf der einen und die ungeduldige Tochter auf der anderen
Seite des Gerichtsraumes. Plötzlich fiel der Richter nicht über
die zweifelhafte Tochter sondern über mich her: Was ich mir den
einbilden würde "... Da könnte ja jeder kommen und Verträge
rückgängig machen wollen ..." und noch so Einiges.
Nach Worten von Frau V. sei ich kreidebleich geworden und habe,
obwohl sie mich auffordernd anstieß, darauf nicht geantwortet. Hätte
ich mich aber von diesem "Richter" provozieren lassen,
wäre ich nach sozialistischer "Rechtslage" als
staatsfeindlicher Hetzer ein Wiederholungstäter und sofort mit
einer Mindesthaft von einem Jahr erneut zu bestrafen. Ich wäre
aus dem Gerichtsgebäude gar nicht mehr frei herausgekommen und
schwieg folglich. Dann war der Richter plötzlich wieder
friedlich. Er verkündete, das Urteil werde in einigen Tagen
fernmündlich und schriftlich mitgeteilt.
Wir beide, Frau V. und ich als ihr Prozessvertreter, sind danach
frustriert nach Hause gefahren. Frau V. war enttäuscht, dass ich
so still geblieben war. Wenige Tage danach kam erst telefonisch
die mündliche und dann auch die schriftliche Urteilsverkündung,
dass die umstrittene Schenkung nichtig sei und Frau V. war wieder
Besitzerin von Haus und Grundstück.
Auch ich bin anscheinend zweimal auch durch Glück knapp dem
Unheil (Kriminalisierung und dritte Haft) entgangen!
Das geschah in den Jahren 1986/87. Was mag wohl als nächstes
kommen, habe ich mir damals gedacht?
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Nov.
´83: Wie ich ein Gerüchtemacher wurde
Nach dem Tode Breschnews am 10. November
1982 wurde Juri Andropow zum Nachfolger als neuer Generalsekretär
der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) bestimmt.
Andropow war seit 1967 der gefürchtete Chef des Geheimdienstes
KGB. Aber schon 15 Monate nach Antritt seines neuen Amtes als
Generalsekretär, am 9. Februar 1984 starb er, ohne daß er genug
Zeit gehabt hätte, Korrekturen am Sowjet-System vorzunehmen.
Im August 1983 hielt er eine Rede vor Parteiveteranen der KPdSU,
die auch im Erfurter SED-Parteiorgan DAS VOLK veröffentlicht
wurde. Im Text heißt es unter anderem: "... denn jegliche
Art von Unordnung, Mißwirtschaft, Gesetzesverletzung, Habgier
und Bestechung macht die Arbeit Tausender Agitatoren und
Propagandisten zunichte."
Diese Entwicklung gab uns wieder Hoffnung, dass vielleicht unser
geheimpolizeilicher Garagenmieter doch seine Machenschaften
beendet und unsere von ihm nachgewiesener Maßen zweckentfremdet
sowie brandgefährdend genutzte Garage räumt. Dass ich insgeheim
befürchtete, die Garage am Haus könne u.a. auch zu Abhörzwecken
benutzt werden, war durch den ehemaligen Arbeitskollegen Reginald
J. (IM "Annett") längst der Stasi übermittelt. Auf
meinen Schreibtisch liegt noch heute zur Erinnerung ein kleines
Mikrophon, dass ich im Haus zuvor schon gefunden hatte.
Im Mai dieses Jahres ´83 hatte ich meine mittlerweile langjährige
Ehefrau Christl, die Besitzerin des Einfamilienhauses mit der
umstrittenen Garage, geheiratet. Wir waren uns schnell einig,
dass wir uns selbst von einem Geheimpolizisten nicht "auf
der Nase herum tanzen lassen". Mein Ausreisebegehren in die
Bundesrepublik gab ich auf, kündigte meine ohnehin gezwungenermaßen
unterqualifizierte Berufstätigkeit und nahm keine neue Arbeit in
der sozialistischen Produktion wieder auf. Unter der Legende
"Hausmann" werkelte ich im und am Haus, bearbeitete den
Garten, hatte nebenbei den ominösen Garagenmieter unter
Kontrolle und konnte unbemerkt meine kritischen Studien der
"Werke" des Karl Marx betreiben. Dass das nicht ganz
ungefährlich sein konnte, wusste ich aus meiner Gefängniszeit,
denn dort hatte ich inhaftierte Marx-Kritiker kennen lernen dürfen.
Da ich anscheinend auf den Pfad der sozialistischen Tugend zurückgekehrt
war, wollte Stasi- Offizier Pfützenreuter und Genossen meinen OV
(Operativen Vorgang) "Heizer" zum Jahresende 1983
abschließen - wenn nicht der sich hinziehende Garagenstreit mit
dem Genossen Dunkelmann noch wäre, der durch unsere
verschiedenen Aktivitäten immer weitere Kreise zog. Auch in der
Runde meiner Sportsfreunde erzählt ich über die Vorfälle in
dieser Streitsache. Dagegen wurde auch etwas "Abschließendes"
unternommen.
Gegen Jahresende war es damals üblich für die Mitarbeiter der
Poliklinik Erfurt-Mitte und deren Angehörige ein Betriebsfest
durch zu führen. Meine Frau - Schwester Christl aus der Uro-Abteilung
- und ich nahmen auch daran teil. Nach den üblichen Reden der
sozialistischen Leiter begann der gemütliche Teil mit Essen,
Trinken, Unterhaltung und Tanz. In einer Pause gehen wir beide
zur Toilette. Plötzlich kommt schräg durch den relativ großen
Saal schnell und zielstrebig Schwester Christine aus der
Chirurgie auf uns zu. Sie hält uns an und beginnt sofort mit der
Klage, dass man ihren Mann, einen damals bekannten Erfurter Fußballer,
verhaftet hätte und er nun in Untersuchungshaft säße. Wir
waren beide überrascht, weil wir weder mit Fußball noch mit dem
Ehepaar G. je näheren Kontakt hatten. Geduldig hörten wir zu
und versuchten die Arbeitskollegin Schwester Christine zu
beruhigen. Ich beendete dann dieses uns aufgedrängte Gespräch
mit den beruhigend gemeinten Worten: "Ach, schauen Sie mich
an. Ich war schon zweimal im Gefängnis ..." klopfte mir
leicht auf meinen Bauchansatz und beendete den Satz mit "...und
bin doch gesund und munter!" Danach konnten wir unseren Weg
fortsetzen.
Am Montagabend darauf ging ich wie üblich zum Training mit
unserer kleinen Sportakrobatik - Gruppe. Einige Sportsfreunde
waren schon da und unterhielten sich wie des Öfteren wieder über
den Erfurter Fußball. Obwohl kein Fußballfreund, mischte ich
mich diesmal mit ein und erzählte die neue Nachricht, frisch von
seiner Ehefrau mitgeteilt, dass der bekannte Fußballer G. in
Haft sei.
"Das ist nicht wahr! ..." kam es wie aus der Pistole
geschossen aus dem Mund unseres Vereinsleiters, eines zum
Schulinspektors in der Erfurter Schulverwaltung aufgestiegenen
ehemaligen Lehrers. Und weiter: "Der ist mein Gartennachbar
und ich habe noch gestern mit im gesprochen ." Ich
versuchte, den Vorfall bei der Betriebsfeier zu erklären. Es war
sinnlos. Ich stand da wie ein verlogener Spinner.
Nach dem Sport zu Hause angekommen, erzählt mir meine Frau, was
sie Merkwürdiges auf Arbeit erlebt hatte. Von der Geschichte mit
dem Fußballer hatte niemand etwas gehört. Aber dass Schwester
Christine an dem Abend sogar Zigarre geraucht hätte, so besoffen
sei sie gewesen, das hatte eine Tischnachbarin bemerkt.
Dieser merkwürdige Vorfall hat uns noch eine Weile beschäftigt,
doch dann überwog wieder die Frage: Wann räumt unser Genosse
Dunkelmann die immer noch zweckentfremdet und brandgefährdend
genutzte Garage? Das Jahr ´83 schien auch ohne Erfolg zu Ende
zugehen. Da erinnerte ich mich an Juri Andropows Rede und setzte
ca. zwei Wochen vor Jahresende ein Beschwerdeschreiben an den
Staatsrat der DDR auf, in dem ich die aus unserer Sicht fast
zwanzig Verfehlungen unseres Garagenmieters aufzählte und sogar
den Verdacht äußerte, dass er auch seine kriminalpolizeilichen
Möglichkeiten missbrauche.
Am 6. Januar 1984 wurde das Antwortschreiben in Berlin
abgeschickt und lag wenige Tage später in unserm Briefkasten.
Wir sollten aber merken, dass es einen Umweg gemacht hatte, denn
das Äußere war stasihaft typisch bearbeitet: Der Brief war
nicht nur halb offen sondern auch bereits einmal halb zusammen
gefaltet gewesen, schmuddelig und leicht aber sichtbar
zerknittert. Darin wurde uns angekündigt, dass die weitere
Bearbeitung die Erfurter Bezirksstaatsanwaltschaft übernehmen
werde.
Der Zustand des Antwortbriefes vom Staatsrat-Sekretariat aus
Berlin ließ aber Übles vermuten. Was muss, was kann das für
eine Geheim-Firma sein, die selbst Staatsratsbriefe abfangen kann
und dann noch dreist betont sichtbar "bearbeitet"? Für
die meisten DDR-Bürger war das ein offenes Geheimnis, wer solche
Möglichkeiten hatte.
Ein Tag später lag ein zweiter Brief, diesmal mit korrektem
Aussehen in unserem Briefkasten. Er enthielt die Kündigung der
Garage durch unseren Genossen Dunkelmann zum 30. Oktiber 1984.
Am selben Tag war wieder ein Trainingsabend. Natürlich erzählte
ich den ersten Sportsfreund, den ich antraf, die Nachricht von
der lang ersehnten Garagenkündigung. Plötzlich drängt sich
"Sportsfreund" Werner, der Lehrer, Schulinspektor und
Gartennachbar des angeblich inhaftierten Fußballers G.,
dazwischen. Regelrecht hämisch triumphierend posaunt er hinaus:
"Dein Gerücht ist mittlerweile Stadtgespräch!"
Erst dachte ich: Wieso denn das, ich habe doch die Kündigung
schriftlich. Dann fiel bei mir der Groschen - die merkwürdige Fußballerstory!
Ehe ich erklären konnte, eilte er jedoch geschäftig wieder
davon. Er war anscheinend über die neueste Entwicklung noch
nicht informiert. Wieder drängte es sich mir unwiderstehlich auf:
Hier arbeitet jemand aus den konspirativen Hintergrund gegen dich.
Das Jahr 1984 hatte gerade erst scheinbar gut begonnen, doch Big
Brother ließ schon wieder grüßen und unsere Befürchtungen
sollten berechtigt sein.
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Fünf Tage vor dem
Beschluss der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR vom 23.
August 1990 über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik
Deutschland zum 3. Oktober 1990 fand die Gründung der
Bezirksgruppe Arnstadt/Erfurt der VOS-Gemeinschaft ehemaliger
politischer Häftlinge statt. Am Tag darauf lag dem frischgewählten
Vorsitzenden Werner Nöckel eine anonyme schriftliche Morddrohung
im Briefkasten.
Auch ich wurde in den Vorstand gewählt. Da ich Erfurter war übernahm
ich auch die Organisation der ersten Versammlung im Erfurter
"Haus des Lehrers" für den folgenden 25. September. In
dieser Anfangsphase war der persönliche Aufwand nicht unbeträchtlich.
Nach dem Tod meines Vaters im November ´89 war neben Haushalt,
Garten und der Oma meiner Frau nun auch zusätzlich meine
halbseitig gelähmte Mutter und mein verheimlicht an Oligophrenie
leidender Bruder zu betreuen.
Mitten in den Vorbereitungen zur ersten Erfurter Versammlung
ehemaliger politischer Häftlinge ging es mit meiner Mutter dem
Ende entgegen. An ihrem Sterbetag, dem 20. Sept. saß ich
vormittags noch an ihrem Bett, fuhr dann zwischendurch schnell
noch einmal auf meinem Moped nach Hause, um mit unserem Hund
Bobby sein obligatorische Mittagsrunde zu machen. Dabei hatte ich
wieder einmal ein Erlebnis nicht unbekannter Art.
Auf den Feldern hinter unserer Siedlung hatte ich plötzlich
einen Mann hinter mir. Blieb ich stehen, um ihn etwas näher
kommen zu lassen, blieb er auch stehen. Ging ich weiter, ging
auch er weiter. So ging es mehrmals, bis ich mich entschloß
umzukehren und ihm direkt entgegenzugehen. "Kann ich ihnen
helfen?" war meine Frage an ihn. Er brabbelte etwas davon,
dass er arbeitslos sei und von Weimar/Hopfgarten , ca. 20km
entfernt, her komme. Das erschien mir als eine fadenscheinige
Ausrede. Später sah ich ihn noch einmal in der Erfurter Fritz-Büchner-Strasse.
Ich konnte mein Moped nicht schnell genug wenden, da war er schon
wie vom Erdboden verschluckt.
Als ich ins Heim zu meiner Mutter zurückkehrte, war ihr Körper
aus dem Zimmer verschwunden. Sie war zwischenzeitlich verstorben.
Ich bedauere noch heute, nicht bei ihr geblieben zu sein.
Am Tag vor der ersten Erfurter Versammlung politischer Häftlinge
der DDR und SbZ, dem 24. September 1990 bin ich auch mit Begräbnisvorbereitungen
beschäftigt. Als ich aus dem damals einzigen städtischen Begräbnisinstitut
(ideal für die Firma) heraustrete, kommt anscheinend der nächste
Streich. Ein schmieriger Typ mit Honecker-Hütchen bedrängt mich
von vorn auf dem Fußweg, als wolle er mich nicht durchlassen und
grinst mich dabei an. Ich drehe mich darauf hin um und gehe in
die andere Richtung weg. Ich glaubte, verstanden zu haben und
sollte ihn dann bei meiner 2. Mordbedrohung wiedersehen.
Am Tag danach findet endlich die 1. Versammlung ehemaliger
politischer Häftlinge aus und um Erfurt herum statt. Sie ist für
17 Uhr angesetzt. Ungewöhnlich kurzfristig wird im
Siedlungskindergarten von Frau Kindergärtnerin Leuteritz
ebenfalls um 17 Uhr eine Elternabend angesetzt. Wir hatten
vorerst nichts Bösen dabei gedacht, obwohl uns nicht zuletzt
durch merkwürdige vorangegangene Ereignisse nicht entgangen war,
daß ihr Ehemann als Politoffizier der Nationalen Volksarmee der
DDR ein anscheinend besonders treuer Diener des Systems war.
Also findet diese 1. Versammlung der Erfurter VOS - Gemeinschaft
ehemaliger politischer Häftling zeitgleich mit dem merkwürdig
kurzfristig angesetzten Kindergarten - Elternabend statt, zu dem
gerade zu zwangsläufig nur wenige Mutti´s erscheinen können.
Meine Frau, als die Oma des Kindergartenkindes Christin F., geht
stellvertretend für ihre Tochter hin, weil die in Hessen ist,
und wird so plaziert, dass sie als einzige auch in den Flur
schauen kann. Was muss sie während des merkwürdigen Elternabend
sehen?
Der zivil gekleideter Ehemann der Kindergärtnerin L. geht dort
hin und her und "lüftet" seine Jacke so, daß nur
meine Frau unübersehbar seine untergeschnallte Waffe sehen muss.
Das von mir organisierte zeitgleiche stattfindende 1. Treffen
ehemaliger politischer Häftlinge aus Erfurt und Umgebung findet
dagegen ohne Störungen statt. Abends wieder zu Hause erzählt
mir erregt und verstört meine Frau die Waffendemonstration in
dem Kindergarten unserer Enkelin Christin und ist tags darauf
kaum arbeitsfähig. Ich erstatte darauf hin Anzeige gegen den
ehemaligen Politoffizier L. beim Bezirksstaatsanwalt Sander.
Am Tag darauf muss sich meine Frau aus psychischen Gründen krank
schreiben lassen und ich protestiere mit einem Aushang in diesem
Kindergarten gegen solchen Psychoterror.
In einer kurzen Aussprache dazu wird mir dort erklärt, L. sei
mittlerweile Kriminalpolizist und sei zum Tragen einer Waffe
berechtigt.
Am folgenden Tag, dem 30.September, bitte ich in einem Schreiben
an den neuen Polizeichef R. Grube um vorerstige Beurlaubung
dieses zweifelhaften Kriminalpolizisten.
Am 2. Oktober, einen Tag vor Beitritt der DDR in die
Bundesrepublik Deutschland, bestätigt mir das Erfurter Jugendamt
die Möglichkeit des Sehens der "verdeckt" zu tragenden
Waffe des Kriminalpolizisten L., "...weil es ihm zu warm
gewesen sei."(?).
Am Abend dieses Tages hole ich mir zum besseren Einschlafen ein
paar Flaschen Bier im Getränkeverkauf in der Straße nebenan.
Dort erwartet mich scheinbar schon Wolfgang H., ein Bekannter aus
der Nachbarschaft. Er kommt unverblümt zur Sache: "Wenn ich
eine Waffe hätte, ich würde dich erschießen!" Ich habe
mich nicht provozieren lassen und bin danach mit meinen vier
Flaschen Bier wieder nach Hause gegangen. Diese
nachbarschaftliche Drohung war kein Zufall!
Am Mittwoch, dem 3.Oktober 1990, dem Beitrittstag, schaltet sich
auch der Bundesvorsitzende der VOS - Gemeinschaft ehemaliger
politischer Häftlinge R. Knöchel aus Bonn mit einem Schreiben
an den Staatsanwalt Sander bezüglich der Bedrohungen ein.
Am 4.Oktober lassen wir vorsorglich unser Enkelchen Christin nach
Hessen zu ihrer Mutter bringen und melden das Kind aus dem ominösen
Kindergarten ab, denn wer weiß, was noch passieren könnte.
Ich betreibe auch "nebenbei" noch aktiv
Wahlkampfwerbung für die FDP, denn für den 14. Oktober sind
nach dem Beitritt zur Bundesrepublik wie für alle neuen Länder
Landtagswahlen auch für Thüringen angesetzt.
Am 5. Oktober kommt die Mitteilung vom Bezirksstaatsanwalt
Sander, dass meine Anzeige an das neue Kreiskriminalamt weiter
geleitet wurde. Wahrscheinlich nicht angenehm für den Anfang,
denn neu gegründet und schon wird auch ein neuer
Kriminalpolizist bei einer kleinen Psychoterror- Aktion auffällig!
Vom Kreiskriminalamt haben wir nie eine Antwort erhalten, dafür
geschah etwas Schlimmeres.
Am 10. Oktober, vormittags findet die Begräbnisfeier für meine
Mutter statt. Mittags wird ein fünf Monate altes Baby samt
Kinderwagen in Erfurt entführt. Ein Riesenrummel bricht in den
neuen Erfurter Medien aus. Über 100 Polizisten sogar vom
Bezirkskriminalamt suchen nach dem Kind. Ein Luftschiff eines
westdeutschen Unternehmens unterstützt sie. Selbst aus Berlin
unterstützt ein Polizeihubschrauber die Aktion. Auch eine
Privatperson, die ungenannt bleiben will, stellt spontan 20000 DM
Belohnung zur Verfügung. Damit war unser kleines Psychoterror -
Problem plötzlich rein zufällig voll überdeckt.
Sollte das die Antwort der alten Kräfte gewesen sein?
Ich sage ja, denn der Weitergang dieses Falls bestätigt geradezu
lehrbuchhaft die "Arbeit" der ehemaligen DDR-Geheimpolizei.
Am 11. Oktober kreist der aus Berlin angeforderte
Polizeihubschrauber intensiv auf der Suche nach dem entführten
Kind über Erfurt und besonders über unserer Siedlung und dem
Kindergarten, in dem kurz zuvor der frischgebackene
Kriminalpolizist L. seine Waffendemo abgezogen hatte. Ca. 45
Minuten dröhnt und donnert es über uns (2 von 338 Erfurter
Planquadraten). Wenn jedes Planquadrat mit derselben Intensität
von oben abgesucht worden wäre, hätte die Suche viele Tage
gedauert. Warum aber so intensiv über uns?
Die Antwort ist ganz einfach: ein stiller Mitarbeiter der "Firma"
hat unauffällig auffällig einen ähnlichen Kinderwagen des Entführungsopfers
Lisa N. auf einem Müllbehälter innerhalb des Kindergartens des
Tatortes der "Waffendemo" deponiert. Ein "heißer"
Tipp erwirkte das intensive mit viel Lärm und öffentlicher
Aufmerksamkeit aber letztlich erfolglose intensive Bemühen der
neuen Sicherheitskräfte. Das Baby Lisa Nothnagel war zu der Zeit
schon längst in einen kleinen Ort im Thüringer Wald verbracht.
Am Abend dieses dröhnenden Tages findet die 1. Versammlung des
neu gegründeten Vereins unserer Stadtrandsiedlung statt, in dem
ich auch frischgewähltes Vorstandsmitglied bin. In einer kleinen
Pause bestelle ich mir ein Glas Bier in dem Thekenraum. Beim
Einschenken sagt der dicke Wirt: "Dich müsste man wie eine
Ratte mit der Hacke erschlagen". Dabei war, welch Zufall,
der Schmuddeltyp mit dem Honecker-Hütchen und der bereits
erkannte Kneipenhorcher und Mordbedroher Wolf H. aus der
Nachbarschaft.
Der Medienrummel um Lisa N. verebbte nach ein paar Tagen. Stückchenweise
kommen später Nachrichten. Alles löst sich in Wohlgefallen auf,
denn das Baby wurde von der Mutter der "Entführerin",
einer Erzieherin mit DDR-Ausbildung tagelang liebevoll versorgt,
ehe sie die emsig suchende Polizei informierte. Wer die 20000 DM
Belohnung erhalten hat, war nicht zu erfahren. Merkwürdig war
auch, dass der damaligen Beigeordneten der Erfurter
Stadtverwaltung für Recht, Sicherheit und Ordnung genau wie Lisa
den Nachnamen Nothnagel trug.
Für uns blieb als Fazit der Eindruck: Das war eine Aktion wie
aus dem Stasi -Lehrbuch.
Wolfgang H. hat sich ein, zwei Jahre später aufgehangen. Die
Leiche wurde verbrannt und seine Urne anonym beigesetzt.
Mein Mitleid hielt sich in Grenzen und auch seine Auftraggeber
hatten einen Mitwisser weniger.
20 Jahre später: Ein Thüringer Kriminalist erzählt
Klaus Dalski: 1982-1989:
Stellv. Abteilungsleiter K und Leiter Untersuchung der Erfurter
Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei - parallel neben dem
stellvertretenden Leiter der politischen Kriminalpolizei (K1) -
und ab1989 bis 31.12.1990 Direktionsleiter im Erfurter
Bezirkskriminalamt ist der Autor eines im August 2010
erschienenen Buches mit dem Titel "Der Kopf in der Ilm".
In der Hoffnung, eventuell nachträglich doch noch die
versprochene Erklärung vom Erfurter Kriminalamt und vielleicht
auch Aufklärung über die ominöse Entführung von Baby Lisa
Nothnagel zu bekommen, habe ich es erworben und gelesen.
So beeindruckend die Auswahl kleiner, großer, schrecklicher und
kurioser Kriminalfälle aus der Laufbahn des Kriminalisten Klaus
Dalski auch ist, sie bleibt letztlich doch eine verdächtig
einseitige.
Man könnte den Eindruck gewinnen, die DDR in der Genosse Dalski
25 Jahre treu diente, sei ein von politischer Repression freier
normaler demokratischer Staat gewesen. Kein Wort über die
Verfolgung und Zersetzung politisch Andersdenkender, an der die
DDR-Kriminalpolizei immer mehr oder weniger intensiv beteiligt
war. Daran ändern auch die Geschichten über die
kriminalistische Zusammenarbeit mit den Sowjets nichts. Nach der
Erzählung mit dem Titel "Von der Sowjetunion lernen, heißt
siegen lernen!" folgt etwas verschlüsselt ein typisches
Beispiel "brüderlicher" Zusammenarbeit sowjetischer
Einheiten mit DDR-Kriminalisten.
Sieben Sowjetsoldaten desertieren. Ihr Kommandeur bittet die Thüringer
um Hilfe. Vier Soldaten werden von den Kriminalisten in einer
Bungalow-Siedlung bei Gotha ermittelt. Sowjetische Spezialisten,
per Fallschirm abgesetzt und bis an die "Zehenspitzen"
bewaffnet, stürmen den Bungalow. Es fallen Schüsse. Abschließend
dürfen Genosse Dalski und seine Kriminalisten Spuren suchen und
sichern. Sie finden nirgends Einschüsse, aber Blutflecke an der
Zimmerdecke des Bungalows, die auf den Umgang mit den vier
Deserteuren schließen lassen.
Die Frage, was mit ihnen geschah, lässt der Autor offen. Man
vermutet wohl richtig, dass die vier von den Spezialisten
kurzerhand hingerichtet wurden.
Weiterhin bleibt offen, wer wohl die Blutflecken beseitigt hat.
Die Spurenbeseitigung wird sicher nicht der ahnungslose Bungalow-Besitzer
vorgenommen haben, sondern auch die "Kriminalisten".
Aber das vergisst der Autor zu berichten.
Nur gut, dass Herr Dalski auch andere Erfolgserlebnisse hatte,
wie beispielsweise die Rettung eines kleinen Mädchens aus der
Gewalt eines verrückten Geiselnehmers.
Harmlos ausgedrückt erscheint mir "... mit der Schere im
Kopf erzählt" als Untertitel des Buches treffender.
Mit tschekistischem Einfallsreichtum
Nach der Wiedervereinigung
engagierte ich mich intensiv für ehemalige politische Häftlinge
in und um Erfurt, aber auch für meinen schwachsinnigen Bruder
ergaben sich neue Möglichkeiten. Da unsere Eltern nicht mehr
lebten, war nur noch ich da, der seine Dummheiten ausbügeln
konnte. Aber die alten "Freunde" waren noch aktiv.
Damit ihn die Erfurter Geheimpolizei eventuell nicht wieder für
Kriminalisierungs- und Zersetzungsmaßnahmen mißbrauchen könnte,
brachte ich meinen Bruder wie schon einmal 1986 wieder dazu sich
in ärztliche Behandlung zu begeben. Er bekam wieder einen Termin
bei der Ärztin, die schon damals die Dringlichkeit erkannt
hatte, aber die Anderen letztlich stärker waren. Am Morgen des
Termintages wollte ich mein 15 Jahre jüngeren Bruder mit dem
Auto abholen und zur Ärztin bringen, damit es auch ja klappt.
Doch er war an den Morgen nicht mehr zu Hause.
Ein gewisser Andreas Leinhos war schneller. Im Nachhinein
erinnerte ich mich, dass mein Bruder erstaunt über seine
Anwesenheit vor der Arztpraxis sprach. Ich dachte mir nichts
Ernstes dabei. An dem Morgen hatte er ihn u.a. mit der Begründung
"Dein Bruder will dich doch nur entmündigen lassen!"
zu dringenden "Geschäften" abgeholt, die darin
bestanden in mehreren verschiedenen Thüringer Sparkassen mit
kleinen Geldbeträgen auf seinen Namen Sparbücher zu eröffnen.
Ein dritter Mann nahm ihm die Bücher gleich wieder ab und fälschte
die kleinen Beträge in große um. Wenige Tage danach fährt
Andreas L. mit meinen Bruder eine der Sparkassen an. Er sollte
von einem seiner mittlerweile gefälschten Sparbücher einen höheren
Betrag abheben. Die Kassenangestellte bittet um etwas Geduld und
im Nu ist Polizei da. Man habe einen Tipp bekommen, heißt es
nebenbei. Der "Kumpel" Leinhos, der wahrscheinliche
Tippgeber, war natürlich bereits vor der Polizei verschwunden.
Polizeikommissar Schmidt aus der PI Salzungen übernimmt die
Untersuchung der Urkundenfälschung und des Betrugsversuches.
Mein Bruder ist geständig und nennt auch die Namen der beiden
anderen Beteiligten. Danach darf er wieder nach Erfurt fahren.
Drei Tage später wird er aus seiner Wohnung gezerrt, auf den
Boden eines Pkws gezwungen und in einen einsamen Steinbruch bei
Bad Berka verschleppt. Dort wird er von dem "dritten"
Mann mit einem Baseballschläger nicht nur einmal kräftig auf
den Kopf geschlagen. Dessen Worte waren dabei sinngemäß: "Damit
du weißt, was du zu sagen hast! ... Damit du weißt, dass du
nichts zu sagen hast!..." Betäubt und mit mehreren
blutenden Kopfwunden wird er im Steinbruch liegengelassen.
Als ich einen Tag danach vom Berkaer Krankenhaus benachrichtigt
wurde, noch ahnungslos von dem ganzen Geschehen, bin ich gleich
hin gefahren. Eine Schwester sagte mir, die Kriminalpolizei sei
auch schon da gewesen. Als ich dann das teilweise noch
blutverschmierte Häufchen Elend sah, wollte ich natürlich
wissen was passiert war. "Ich sag gar nichts mehr, ich sag
gar nichts mehr!". "Dann kann ich ja auch wieder gehen"
erwiderte ich und ging auf den Flur hinaus. Da kam er mir hinkend
nach und erzählte doch.
In guter Hoffnung, dass über zwei Jahren nach der Wende die
Polizei sich nicht mehr von alten politischen Erwägungen
beeinflussen lässt, ihre Arbeit ordentlich macht und, zumal die
Namen der Täter bekannt waren, übernahm ich meinen brüderlichen
Teil. Ich organisierte die Einleitung eines Betreuungsverfahrens
für meinen Bruder. Es gab noch einige Verzögerungversuche aus
dem Hinterhalt aber auch Hilfe vom Erfurter Straffälligen-Hilfe-Verband.
Es dauerte noch drei Jahre, bis die Betreuung wegen Oligophrenie
amtsärztlich angeordnet wurde - eine längst überfällige
Entscheidung. Wenn es nach der Erfurter Geheimpolizei gegangen wäre,
würde mein schwachsinniger Bruder noch heute zum Zwecke der
nachträglichen Kriminalisierung und Zersetzung in Erfurt
herumirren. Der bewährte Andreas Leinhos wird sicher neue
Aufgaben bekommen haben.
Zu erfahren, ob der verhinderte Totschläger zur Rechenschaft
gezogen wurde, ist mir bis heute nicht gelungen. Mein Bruder,
bereits dreimal ins künstliche Koma gelegt, schweigt
mittlerweile konsequent.
Wie war doch der sarkastische Spruch über das DDR-Regime: "Ruinen
schaffen ohne Waffen!" - Der traf auch auf Menschen zu!
Diese Aktion "Sparbücher" fand im Sommer 1992 statt.
Bis zum Jahresende war noch viel Zeit in der noch Einiges
geschehen sollte. Die Weihnachtsüberraschung war das (mit
tschekistischem Einfallsreichtum?) organisierte
Verschwindenlassen unseres Enkels für eine Nacht.
Im Gegensatz zu seinem
schwachen Verstand war die Schädeldecke meines Bruders stärker
und er überlebte den Totschlagsversuch ´92 im Steinbruch bei
Bad Berka. Nach dieser Aktion bekam ich Unterstützung durch Frau
Rathsfeld vom neugegründeten Erfurter Straffälligen-Hilfe-Verein.
Sie unternahm dankenswerter Weise weitere notwendigen Maßnahmen
für meinen Bruder. So konnte ich mich wieder mehr meinen übernommenen
Aufgaben zu Betreuung und Organisation ehemaliger politischer Häftlinge
in und um Erfurt widmen.
In dieser Zeit suchte das ZDF Zeitzeugen von Stasi-Unrecht. Der
Landesvorsitzende unseres Häftlingsvereins VOS Klaus Schmidt kam
auf mich zu und ich stellte mich für ein Interview zur Verfügung.
Darin erzählte ich auch die Geschichte aus dem Jahr 1984 von dem
vorübergehenden Verschwinden der minderjährigen Tochter meiner
Frau aus erster Ehe, an dem der Kindesvaters, ein ehemaliger
konspirativ arbeitender "Mikrofoneinbauer" für die
Erfurter Geheimpolizei, beteiligt war. Nachdem das Mädchen von
der "Volkspolizei" gefunden worden war, wurde meine
Frau zum VPKA vorgeladen. Dort wurde ihr gesagt:" Wir wissen
wo sie war, es liegt nichts Kriminelles vor, wo sie war, sagen
wir aber nicht!".
Beim Verlassen des Polizeigebäudes stand wie rein zufällig
unser bekannter und berüchtigter Genosse "Dunkelmann"
von der BdVP Erfurt Dezernat II sowie MfS Berlin HA IX / AGL
erfasst vor der Tür und sagte "gönnerhaft": Hallo!
Wir haben das auch damals schon als eine Art Bandenverbrechen der
Erfurter Geheimpolizei gedeutet und mussten eine harte aber
notwendige Sicherheitsmaßnahme ergreifen. Mein Interview wurde
zwar nicht ausgestrahlt aber der alkoholkranke Vater des Mädchens,
das mittlerweile selbst Mutter eines kleinen Jungen war, verstarb
wenige Tage nach meinem Bericht des 1984er Geschehens rein zufällig
im Alter von nur 49 Jahren im Erfurter "Haus Zuflucht".
Rein zufällig bekommt mein Bruder schon am Morgen des Todestages
den dringenden Tipp, sich dort sofort persönlich für den plötzlich
freigewordenen Platz in diesem Obdachlosenheim bewerben. Das
geschah wieder an einem wichtigen Morgen. Nach mehreren Anläufen
war es mir nämlich endlich gelungen, dass sich eine
Sachbearbeiterin vom neuen Erfurter Betreuungsamt zu einer
Besichtigung der Wohnung meines Bruders für die gleiche Zeit
angemeldet hatte. Mit etwas Glück und dem Betriebstelefon meiner
Frau konnten wir den "dringenden Tipp" verhindern und
den nach dem Tod der Eltern unaufhaltsam verkommenen Haushalt
meines Bruders der Betreuungsbehörde sichtbar machen. Ein Anfang
war endlich gemacht, auch wenn es noch bis zur amtsärztlichen
Anordnung einer Pflegschaft drei Jahre dauern sollte.
Aber schon damals ging uns der plötzliche Tod des ehemaligen
"Mikrofoneinbauer" der Erfurter Geheimpolizei nicht aus
dem Kopf. Hatte man etwa Bedenken, das mein Interview eine öffentliche
Nachfrage nach bestimmten kriminellen Machenschaften aus Kreisen
der Erfurter Geheimpolizei in Gang bringen könnte? Hat man
vielleicht den geschwächten Körper des alkoholkranken und möglicherweise
gesprächsbereiten ehemaligen "Mitarbeiters" nur einen
kleine finalen "Stups" gegeben? Für Spezialisten
sicher kein Problem: Erst ein paar Tage trocken halten und dann
bringt ein alter Kumpel eine Flasche Schnaps mit ein paar KO-Tropfen
darin und schon bricht sein Kreislauf endgültig zusammen?
Jedenfalls konnte Peter F. zu dem mit seiner Hilfe durchgeführten
vorübergehenden Verschwindenlassen seiner Tochter nicht mehr
befragt werden. Man hatte damit einen unsicheren Mitwisser
weniger. Ich vermute, die ehemaligen Genossen von der
Kriminalpolizei werden wahrscheinlich bei diesem Todesfall auch
keine Fremdeinwirkung festgestellt haben.
Fünf Wochen später, kurz vor Weihnachten und genau am
Geburtstag meiner Frau, gab es noch einmal psychoterroristischen
"Nachschlag" und diesmal auch mit für die Tochter aus
erster Ehe. Wieder, könnte man annehmen, mit tschekistischem
Einfallsreichtum gut vorbereitet und durchgeführt.
Die Tochter hatte ihre Spätdienstwoche. Wie abgesprochen, wollte
ihr Mann - wie dann üblich - ihren vierjährigen Sohn aus dem
Kindergarten abholen und mit nach Hause nehmen. Der Vater wird
aber schon Stunden zuvor von Kriminalbeamten wie zur "Klärung
eines Sachverhaltes" weggeholt. Seine mehrfachen Hinweise
und Bitten, die Mutter oder uns die Großeltern zu informieren,
damit der Junge aus dem Kindergarten abgeholt werden kann, werden
mißachtet. Im Gegenteil, wenn er wie gewünscht aussagen würde,
könne er ja gleich gehen. Auf dieses erpresserische Angebot geht
er aber nicht ein. So muss er bis kurz vor Mitternacht bei diesen
ehemaligen DDR- "Kriminalisten" bleiben. Den anderen
Part übernimmt eine ehemalige sozialistische Kindergärtnerin.
Anstatt den Versuch zu machen, die Mutter des Kindes zu
informieren, bringt sie es in ein Erfurter Dauerheim, wie sie es
vielleicht zu DDR-Zeiten schon einige Male mitgemacht hatte. Der
Vater kommt nach Mitternacht ohne Kind zu seiner Frau nach Hause.
Große Aufregung im Hause, wo ist der Junge? Die "Kriminalisten"
liegen vielleicht schon in ihren Betten und schlafen den
tschekistischen Schlaf der Gerechtigkeit.
Am anderen Morgen im Kindergarten wird klar, wo der Junge ist. Er
wird geholt und zu uns, zu Oma und Opa gebracht, weil er sich bei
uns immer wohl fühlte und endlich da auch wieder essen konnte,
ohne sich zu übergeben.
Die junge Mutti wurde damit auch nebenbei noch einmal verdeckt
drohend an ihr eigenes vorübergehendes Verschwinden im
Orwellschen Jahr 1984 erinnert. Wenige Wochen später hat sie
Hals über Kopf Erfurt verlassen und ist erst einmal in Hessen
"untergetaucht". Über die weiteren Hintergründe
schweigt sie leider bis heute. Die "Kriminalisten" können
beruhigt sein.
"Ihre Befürchtungen sind berechtigt"?
Ab Januar 1992 war es möglich
Akteneinsicht bei der BStU (Bundesbeauftragte für die Unterlagen
des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen
Demokratischen Republik) zu beantragen, was ich dann auch bereits
am 3. Januar tat. Es dauerte aber noch über ein Jahr, bis für
mich die Einsichtnahme möglich wurde.
Meine Erwartungen waren von vorn herein zwiespältig, hatte ich
doch bei meinen Einsätzen für die Erfurter Bürgerwache im
Dezember ´89 mit eigenen Augen einen Berg gründlich geleerter
Aktenordner in dem Heizungskeller der Stasi-Bezirksverwaltung
Erfurt sehen können. Auch in dem anderen Stasi-Objekt in der
Erfurter Espachstraße konnte ich viele volle Papiersäcke mit
wahrscheinlich zerrissenen Unterlagen bemerken. Dort fand auch
das Gespräch mit den beiden Stasi-Leuten statt, bei dem fast
begeistert die Formulierung "Die hohe Schule der
Anwerbung unter Zwang" geäußert wurde.
Am 26. April 1993 lagen meine gefundenen Stasi-Akten in der BStU
Außenstelle Erfurt für mich zur Einsicht im Haus 19 auf dem
Petersberg bereit. Auf dem Weg nach oben in die Etage zu dem
Aktenlesesaal standen zwei Männer so, dass es eng war und ich
kaum vorbei kam. Ich grüßte freundlich, doch es erfolgte weder
ein Gegengruß noch wurde ein wenig Platz gemacht, sodass ich
mich an den beiden vorbei quetschen musste. Beide Herren waren
mir bekannt. Der eine war der neue Außenstellenleiter der BStU
Erfurt. Die andere Person, Herr Fiege, aber musste mich kennen,
denn in meiner Funktion als Erfurter Vertreter ehemaliger
politischer Häftlinge der DDR und SBZ hatte er mit mir bereits
zweimal Kontakt gehabt und mir seine Haft- und
Verfolgungsgeschichte erzählt. So gut ich konnte hatte ich ihm
Rat und Trost gegeben.
Das Verhalten der beiden Männer konnte kein dummer Zufall sein
und hat mich deshalb noch lange beschäftigt. Aber auf mich
warteten erst einmal etliche Hundert Blatt Akteninhalte. Da sie
auf die Schnelle kaum gründlich gesichtet werden konnten, las
ich nur oberflächlich. Dann suchte ich am Ende 328 Blätter zum
Kopieren heraus, um sie mit nach Hause nehmen zu können. Die
Herausgabe der Kopien verzögerte sich mehrfach. Bei dem ersten
geplatzten Herausgabetermin äußerte ich u.a. auch meine
Verwunderung über das Verhalten der beiden BStU-Mitarbeiter. Ich
ging soweit zu sagen, dass ich den Eindruck stasihaften
Verhaltens hatte. Nach zwei vergeblichen Anläufen aber klappte
die Herausgabe der Aktenkopien endlich. Dabei bemerkte die
Mitarbeiterin der Außenstelle nebenbei: "Ihre Befürchtungen
sind berechtigt!".
Wie sollte ich das verstehen? Hatte sie wegen mir etwa irgend
welchen Ärger bekommen? Sollte vielleicht mein Stasi-Vergleich
dem zugrunde liegen? Das wollte ich nicht glauben! Aber was dann?
Der neue Leiter Herr Haschke war zu DDR-Zeiten genau wie ich
wegen Worten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er
bekam damals für die mündliche Aufforderung: "Haut ab, ihr
Russenknechte!" acht Monate Haft. Ich erhielt für meine
schriftliche Forderung: "Ich fordere das Menschenrecht auf
freie Ausreise" dreieinhalb Jahre Gefängnis. Sollte das
eine Rolle gespielt haben? Ich glaube nicht.
Oder sollte meine etwas eigenmächtige Zustimmung als
Pressesprecher der Thüringer VOS anlässlich der Freilassung und
"freien Ausreise" Erich Honeckers nach Chile der Grund
für sein Verhalten sein? Aber auch das verwarf ich.
Am wahrscheinlichsten erschien mir das scheinbar letzte Blatt vom
9. Juli 1989 aus meinen Stasiakten als mögliche Ursache.
Unter dem Titel "Die hohe Schule der Anwerbung unter Zwang" hatte ich bereits
beschrieben wie wir uns letztlich nach dem uns gefährdenden
Telegramm aus Ungarn entschieden hatten. Nicht erwähnt habe ich
aber dort, wie ich zusätzlichen Schutz vor Verhaftung allein
wegen des Verdachtes erwirken wollte und vielleicht auch erreicht
habe. Ich bin nämlich nach dem schnellen Abgang des vermutlichen
Lockspitzels dahin gegangen, wo ich seine Auftraggeber vermutete,
zur "Staatssicherheit". Ein Fehler war es vielleicht,
dass ich die unterste Etage des MfS, die Kreisdienststelle
Erfurt, wählte. Dort hielt ich dem OvD das veräterische
Telegramm vor die Nase und informierte ihn über meinen Verdacht,
dass die Stieftochter durch ihren ungarischen "Freund"
zum illegalen Verlassen der DDR verleitet werden könnte.
Diese in der Familie (!) abgesprochene "Information"
erscheint als letztes (?) Blatt in meiner letzten (?) Stasiakte.
Wer aber nicht die Hintergründe kennt, konnte sie einfach als
Denunziation auffassen. Das könnte eine wahrscheinliche Erklärung
für das unübersehbar unfreundliche Verhalten des
frischgebackenen BStU - Außenstellenleiters und seines
Mitarbeiters sein.
Dennoch bin ich heute immer noch der Meinung, dass meine "Information"
an die, die ich für die möglichen Hintermänner hielt, richtig
war. Die Tochter meiner Frau hatte bereits am Tag vor dieser
Aktion den zweifelhaften Freund das Ende ihrer Beziehung erklärt,
worauf hin er das Haus fast fluchtartig verließ. Aus Ungarn aber
auch Österreich hat er uns dann noch mit einigen bösen aber
letztlich auch aufschlussreichen Briefen belästigt, sodass sich
zusätzlich mit dem Geldzustecken in der Sparkasse (siehe Die Sparkassenfalle) in mir der Eindruck verfestigte, dass er mit
hoher Wahrscheinlichkeit ein Lockspitzel der Geheimpolizei war.
Erneut nachdenkenswert war
einige Monate nach dem stasihaften Vorfall auf der Treppe in der
Erfurter Außenstelle der BStU ein Besuch des Mitarbeiters Fiege
bei mir zu Hause. Wie zufällig kam er dann auf den Vorfall mit
dem ungarischen "Freund" im Sommer ´89 zu sprechen.
Wie zufällig war die Meinung dieses Herrn fest auf Prostitution
fixiert: Das wisse doch jeder, das Ungarn in der DDR so etwas
betrieben hätten. Mir war das unbekannt aber ich erinnerte mich
sofort wieder an die damaligen brieflichen Vorwürfe: -...
Neonazi, Räuber, Mörder, Spion, Fluchtplaner mit falschen DDR-Visa,
Strizzi und asozialer Anarchist... Geld genommen, ..wollte immer
mehr..- und so weiter (?!?!?).
Es drängte sich mir wieder ein Eindruck auf, als marschiere der
Herr Fiege von der BStU Erfurt genau auf der Linie der
Kriminalisierung und Zersetzung weiter, die die Erfurter
Geheimpolizei bis 1989 gegen meine Familie und mich betrieben
hatte. Bei dem wiederholten Nachdenken über die damaligen
Vorkommnisse kam uns noch mehr Verdächtiges in Erinnerung.
Mosaiksteinchenweise zusammengesetzt ergab sich für meine Frau
und mich ein an Tücke und Hinterlist strotzender
geheimpolizeilicher Plan, wie man mit einer perfiden Legende während
unserer urlaubsbedingten Abwesenheit in unserem Haus eine
konspirative Durchsuchung vornehmen wollte. Wir starteten aber
unseren geplanten Urlaub mit unserem Enkelchen erst drei Tage später.
Ihr "kluger" Zeitplan kam auch dadurch durcheinander.
Das konspirative Eindringen unter notfalls Hinterlassung von
"Kuckuckseiern" misslang, doch zurück blieben
zersetzende Langzeitwirkungen - leider nicht nur im
nachbarschaftlichem Bereich.